Kranichsteiner Literaturpreis

2016

Der Kranichsteiner Literaturpreis geht 2016 an Ulrich Peltzer. Der 1956 in Krefeld geborene Schriftsteller lebt heute in Berlin. Er erhält den mit 20.000 Euro dotierten Preis in Anerkennung seines bisherigen Werks unter besonderer Berücksichtigung des Romans „Das bessere Leben“. In der Begründung der Jury heißt es:

„In Ulrich Peltzers Roman Das bessere Leben jagen zwei Männer und eine Frau um die Welt, dem großen Geld auf der Spur. Oder vielleicht doch eher dem Glück? Eindrucksvoll stellt Peltzer unter Beweis, dass man auf die Zuspitzungen der Gegenwart literarisch reagieren kann: kein linearer Plot, sondern ein polyphones Cluster, keine übergeordnete Beobachterinstanz, sondern ein Erzählen aus dem Inneren der Figuren heraus. Gedankenketten, Erinnerungssplitter und Dialogfetzen vermischen sich. Das bessere Leben ist auch ein Roman über die Zukunft des Schreibens.“

Der Jury gehören Maike Albath, Wilfried F. Schoeller und Christine Wahl an.

Die Auszeichnung wurde am 11. November um 19 Uhr im Literaturhaus in Darmstadt verliehen. Die Laudatio hielt Wiebke Porombka.


Laudatio auf Ulrich Peltzer

von Wiebke Porombka

Darmstadt, den 11. November 2016

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

lieber Ulrich Peltzer,

nichts lieber würde ich als mit einer Behauptung zu beginnen. Und das nicht allein, weil Ulrich Peltzer in seinen poetologischen Reflexionen das Phänomen des Anfangs als ein Schicksalhaftes benennt: Gesetzt zwar, aber mit dem Moment der Setzung unverrückbar.

Dieser Anfang könnte in etwa so lauten: Ulrich Peltzer ist eben doch ein Romantiker. Ein Aufbegehrender, ein Sinn- und Erlösungssuchender. Wenngleich diese Erlösung freilich nicht jener oft beschworene paradiesische Urzustand sein mag, vielleicht auch nicht die alles umwälzende Revolte.

Aber doch eröffnen sich im Schreiben Ulrich Peltzers immer wieder Kippmomente, in denen die Kontingenz des Daseins, die Peltzer stets betont, – lassen Sie es mich bewusst vage formulieren – sich zumindest in die Idee eines Zu-sich-selbst-Kommens, von Freiheit und Souveränität verwandelt.

All das indes scheint der Erzählweise Peltzers zunächst zu widersprechen: dem Diskontinuierlichen, dem zuweilen Mäandernden und Sprunghaften sowohl auf der Makro- wie  auf der Mikroebene, das jede Befriedigung qua Plot- oder Moral-Infusion verweigert und auf diese Weise dem der Literatur auferlegten Sinnerfüllungsdiktat trotzt. Mithin zugleich: Sich einem Nebenarm jener kapitalistischen Verwertungsmaschinerie entzieht, der Peltzer als wesentlicher Verfasstheit der Gegenwart einen poetischen Echoraum eröffnet.

Ich stelle mir die Miene Ulrich Peltzers in dem Moment vor, in dem er ein verkappter Utopist gerufen wird. Und ich stelle mir diese Miene ähnlich undurchdringlich vor wie jene der Geschäftsmänner, von denen Ulrich Peltzer in seinem jüngsten Roman erzählt „Das bessere Leben“ – was für ein himmelschreiend unverschämter Titel.

Das soll ein besseres Leben sein? Menschen, die im Schleudergang des Postfordismus – oder soll man besser sagen: in dessen Fegefeuer agieren, vollends abgekoppelt von allen Werten und Ideen? Das Geld ist eben keine Idee.

Maximale Flexibilität ist zur alles strukturierenden – und damit eben de-strukturierenden – Denk- und Daseinsweise avanciert. Allesamt Figuren, deren Existenz gekennzeichnet ist durch  Abstraktion, Loslösung vom Konkreten, Manifesten, Realen. Entfremdung? Eine allzu pathetische Formel.

Da ist zum einen Angelika Volkhart, Amsterdam, Kopf einer Reederei, die Schifffahrtsrouten, gleichsam die Vehikel der Warenströme, koordiniert. Selbst hat sie nie eines dieser Schiffe betreten.

Jochen Brockmann, derzeit Italien, künftig vielleicht China, Sales Manager eines Unternehmens für – Achtung – Anlagen zur Beschichtung von Trägermaterialien. Ein Zuständiger für Oberflächen, den mit dem, was da beschichtet wird, nichts mehr verbindet.

Schließlich Sylvester Lee Fleming, überall und nirgends. Nachgerade als diabolische Figur möchte man ihn lesen, als Personifizierung eines Nihilismus, aus dem er maximalen Profit zu schlagen weiß.

Was Fleming genau macht: unklar. Flüchtige Verbindungen herstellen zwischen zwei Geschäftsleuten oder allererst die Bedürfnisse erzeugen, damit diese Verbindungen notwendig erscheinen. Ein Experte für Versicherungen nennt er selbst sich. Vor allem freilich ist er einer derjenigen, die ein zusehends leer laufendes System in Bewegung halten. Allenfalls halblegal, versteht sich.

Gibt es eine Verbindungslinie, eine Logik, die die Biographien dieser Figuren zu dem Nullpunkt geführt hat, an dem sie heute rotieren? Gibt es eine historische Notwendigkeit der Gegenwart? Ulrich Peltzer würde das vermutlich verneinen. Gott lacht über Pläne. Oder, um es mit Ulrich Peltzers intellektuellem Gewährsmann William Gaddis zu sagen: Man sollte sich sowohl mit dem Chaos des Universums als auch mit der Sinnfreiheit des Daseins abfinden.

Wenn nicht als grundfalsch, so muss die Annahme einer das unmittelbare Jetzt überstehenden Identifizierbarkeit, einer souveränen Subjektivität zumindest als obsolet gelten. Peltzer hält es stattdessen mit Deleuze: „Ja, es gibt Subjekte, aber es sind transzendente Partikel im Staub des Sichtbaren und wechselnde Plätze in einem anonymen Gemurmel. Das Subjekt ist immer eine abgeleitete Funktion. Es geht hervor aus der Dichte dessen, was man sagt, was man sieht, und löst sich wieder auf.“

Diese Bewegung eines Entstehens und wieder Sich-Auflösens, diese nur kurzzeitige Konfiguration des Subjekts, von der Deleuze spricht, korrespondiert mit dem poetologischen Prinzip Peltzers, das sich aus dem Moment zwischen dem Noch-Nicht und dem Nicht-Mehr generiert, ein wahrnehmungsästhetisches Verfahren, mit dem Peltzer zwischen die Wirklichkeit gelangt und sie, nur für Momente, zu einem Bild, einem Klang, einer Empfindung, einer flüchtigen Szene verdichtet. Bevor er diese Verdichtung, als könne sie zu übermächtig, zu sinnstiftend werden, wieder fallen lässt.

Wenn Peltzer auf diese Weise die Symptome der Gegenwart probeweise zu Konstellationen zusammenzufügt, dann unterscheidet er sich doch ganz wesentlich von jenen Theoretikern des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, die das Symptomatische als Erkenntnismethode etablierten. Schickten jene doch von jedem dieser Oberflächensymptome ein Senkblei in die Tiefe, um im Zeitalter der transzendentalen Obdachlosigkeit zu den Verfasstheiten, gar dem Sinn ihrer Zeit vordringen zu können.

Wenn es bei Peltzer ein Senkblei gibt, dann eines, das er stets in dem Moment, in dem wir meinen zugreifen zu können, zu begreifen, wegpendeln lässt, mit seinen ausufernden, mit Klammern durchzogenen Sätzen, an deren Ende der Leser ein ums andere Mal an einem Punkt steht, den er nicht erwartet, geschweige denn nach dem es ihn verlangt hat.

Müssen wir uns Ulrich Peltzer also doch als Fatalisten vorstellen? Das Gegenteil ist der Fall. Nicht zufällig findet sich dem Roman „Das bessere Leben“ vorangestellt eine Art Komplementär-Zitat zu Deleuze, der, Sie erinnern sich, vom Staub sprach. Es entstammt der Verteidigungsrede des französischen Revolutionärs Louis Antoine de Saint-Just vor dem Wohlfahrtsausschuss:

„Ich verachte den Staub, aus dem ich gemacht bin und der zu Euch spricht. Ihr könnt mich verurteilen und diesen Staub zum Schweigen bringen. Aber niemals werdet ihr das freie Leben mir nehmen, das ich mir erkämpft habe unter den Sternen und im Angesicht der Jahrhunderte.“

Und genau mit diesem Vorsatz sind wir mittendrin. Der Künstler kann zwar die Gegenwart nicht erlösen, lernen wir bei Peltzer, er kann sie aber sehr wohl ihre eigene Syntax finden und auf diese Weise ihre eigene Verfallsgeschichte erzählen lassen. Und das ist das eigentliche Geheimnis.

Je mehr sich nicht nur Ulrich Peltzers jüngster Roman „Das bessere Leben“ dagegen zu sträuben scheint, mit erzählerischer Souveränität die in den Mahlströmen der Gegenwart zerstobenen Subjekte wieder zu rehabilitieren, umso mehr ins Extrem Peltzer das Auf-und-ab, das Wegpendeln, das Aufwallen und wieder Erschlaffen treibt, desto vernehmlicher wird beim Lesenden das Bedürfnis nach Identifizierbarkeit. Nicht nach einem Plot, aber doch nach einem Ende des Fadens, mit dem man die Wirklichkeit, diese „flackernde Heterogenität“ aufrollen kann.

Da, wo Ulrich Peltzer Furor oder Idiosynkrasie ablehnt, da wo er Ungerührtheit und Unparteilichkeit an den Tag legt, da, wo er bewusst nicht auf die Rückseite der postfordistischen Oberflächenbewegungen schaut, weder auf die vermeintlichen Verantwortungsträger noch auf die Massen, die in den nicht-industrialisierten Staaten in Fabriken zerrieben oder deren Lungen vom Müll der Industrialisierung verätzt werden, da erzeugt er einen Unterdruck, der uns Leser nicht nur ansaugt, sondern zugleich nach Füllmaterial suchen lässt, und sei es zunächst einmal nur nach dem der Reflexion.

Nicht wesentlich anders ergeht es uns, wenn wir Ulrich Peltzer lesen, als jenem längst zur symptomatischen Figur der Moderne gewordenen Beobachter aus Edgar Allen Poes „The Man of the Crowd“, der den Fremden in der Masse verfolgt, magisch angezogen und zugleich abgeschreckt und mit der festen Überzeugung, dass es den Moment gibt, in dem er ihn packen und entlarven, auf sein dunkles Ansinnen festnageln kann.

Und so lesen wir „Das bessere Leben“ und suchen nach Beweisen, in diesem Fall nicht des Verbrechens wie bei Poe, sondern der Ausbruchs- und Erlösungsmöglichkeit. Die wiederum kämen in gewisser Hinsicht natürlich ebenfalls einem Verbrechen gleich. Einem Verbrechen an der Nicht-Indienstnahme der Literatur.

Aber dennoch, es gibt sie eben. Eingangs hatte ich von Kippmomenten gesprochen. Diese Momente, in denen für einen flüchtigen Moment der Blick aufgerissen wird, auf die linken Theorien, wie sie noch in den 1970er Jahren virulent waren, wenngleich diese bereits den Protagonisten früher Romane – „Stefan Martinez“, „Alle oder keiner“ „Teil der Lösung“ – zwischen den Fingern zerronnen sein mögen.  Die Schattenseiten dieser Theorien tauchen konsequenterweise ebenfalls auf: das stalinistische Terrorsystem, von der nicht zuletzt die Literatur okkupiert wurde.

Auch die kleinen Narrationen tippt Peltzer an: Die Super-Acht-Filme, die im Partykeller des Elternhauses lagern und auf denen sich der Nukleus der eigenen Biographie finden ließe, oder zumindest ein Bild davon.

Oder aber: die Liebe, die Angelika und Jochen, zufällig zwar, aber mit voller Breitseite trifft und die sie aus ihren von Arbeit diktierten Lebenszusammenhängen herauslösen könnte. Ein Aufgehobensein in Zweisamkeit? Beinahe. Jochen steigt eben doch wieder ins Flugzeug, hebt ab, um zu neuen Deals nach China zu fliegen.

Oder aber: Das große Archiv seiner Machenschaften, das ausgerechnet Sylvester Lee Fleming unter seinem Haus angelegt hat mit dem Wunsch, all das möge irgendwann sein nebulöses Tun in eine Ganzheit, gleichsam ein – tatsächlich – Lebenswerk überführen.

Peltzersche Ironie? Entlarvung der Hybris? Womöglich. Vielleicht streut Ulrich Peltzer diese Fadenenden nur, damit wir des Moments des Entreißens kurz vor dem Zupacken können gewahr werden. Des Verschwindens des Fremden in der Masse.

Aber Ironie, Ungerührtheit, Oberflächenverhaftetsein, Weiterspielen nach den Regeln des Postfordismus. Dennoch hallt da etwas, das nicht allein die in Daten- und Geldströmen aufgelöste Gegenwart ist. Unmittelbar damit setzt der Roman ein: Ein Knall, ein Albtraum, aus dem Fleming aufschreckt. Erinnerungen an die blutigen Studentenproteste gegen den Vietnamkrieg, in denen er zwar auch eine zwielichtige Rolle spielte, aber in denen immerhin klar war, dass es eine richtige Seite gibt. Und dass es die Möglichkeit des Protests gibt, auch wenn sie blutig enden kann, wie für Allison, die Studentin, die vom Militär niedergeschossen wird und die als mutige, schöne Sehnsuchtsgestalt durch Flemings Träume geistert.

Dieser Knall, der Fleming jedes Mal auffahren lässt, ist die querschlagende Bewegung, das Aufblitzen der Utopie, das besagt: der Unfall im System ist sehr wohl möglich. Ein Ausbruch ist möglich. Peltzer lässt uns diesen Knall beständig hören.

Vielleicht liegt die Lösung tatsächlich bei Poe. Nicht in „Der Mann in der Menge“, sondern in „Der Doppelmord in der Rue Morgue.“ Ist es ein Zufall, dass Poe diese erste Detektivgeschichte überhaupt im Jahr 1841, ein Jahr nach dem „Der Mann in der Menge“ veröffentlicht? Ich glaube nicht. Wo um alles in der Welt, werden Sie an dieser Stelle womöglich fragen, besteht die Verbindung zwischen Ulrich Peltzer und jenem Orang-Utan, der schließlich als Mörder in der Rue Morgue ausgemacht werden kann?

Es ist ganz einfach: Der Affe zeigt uns, dass es eine Lösung gibt, die eben nur, während wir sie suchen, noch nicht im Bereich des Vorstellbaren liegt. Aber das ist allein unserer trägen Vorstellungskraft geschuldet. Diese Lösung außerhalb des bis dato Denkbaren, jenseits des von ihm Gesagten zu suchen, ist die Aufgabe, die Peltzer uns stellt. Ob Ulrich Peltzer ein Romantiker ist? Er ist wohl doch zu widerständig.

Dass Ulrich Peltzer diese über das Bestehende hinausgehende Reflexion, die kritische Selbstbefragung der Gegenwart nicht nur herausfordert, sondern erzwingt, ist der nicht korrumpierbaren, nicht verführbaren, sich nicht verfügbar machenden Ästhetik des Widerstands zu verdanken, die sein Schreiben ausmacht.

Umso mehr in einer Zeit, in der wir mit Grauen erleben, wie Populismus und politisches Gebrüll das Denken ersetzen und Nationalismus und Ressentiment die Freiheit gefährden, brauchen wir Ulrich Peltzer, damit er uns und unser Misstrauen wach hält.

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Ulrich Peltzer mit Wend Kässens bei der Verleihung 2016