Paul-Celan-Preis 2016
an Anne Birkenhauer

Der vom Deutschen Literaturfonds alljährlich vergebene Paul-Celan-Preis für her­aus­ragen­de Übersetzungen ins Deutsche ging in diesem Jahr an Anne Birkenhauer.

Sie wurde mit dem Preis für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet, das Übersetzungen aus dem Hebräischen umfasst, darunter Werke von Aharon Appelfeld, Chaim Be’er, David Grossman, Ilana Hammerman, Jehoshua Kenaz, Eskol Nevo, Jaakow Shabtai, Ar­yeh Sivan u. a. m. Besonders würdigt die Jury ihre Übersetzung des 2016 erschienenen Romans „Kommt ein Pferd in die Bar“ von David Grossman, in der es ihr auf bewundernswerte Weise gelungen ist, den ständigen Wechsel der Tonlage mit blitzschnellen Sprüngen von kalkuliert klamaukhafter Komik zu bitterbösem Ernst, von vulgärem Gejohle zu entsetztem Schweigen, der diesen fast experimentell angelegten Roman stilistisch beherrscht, in allen Nuancen plastisch und nachvollziehbar wiederzugeben.

Der Jury gehören an: Hinrich Schmidt-Henkel, Gabriele Leupold, Burkhart Kroeber, Miriam Mandelkow und Gunther Nickel.

Der mit 15.000 Euro dotierte Preis wurde am 20. Oktober um 18 Uhr im Lesezelt der Frankfurter Buchmesse vergeben. Die Laudatio hielt der Literaturkritiker Lothar Müller.

Bewerbungen für den Paul-Celan-Preis 2017 können Verlage bis zum 28. Februar 2017 beim Deutschen Literaturfonds e.V., Alexandraweg 23, 64287 Darmstadt einreichen. Erforderlich sind fünf Exemplare des übersetzten Werks, ein etwa zwanzig Seiten umfassender Auszug aus dem Original sowie eine Biobibliographie der Übersetzerin oder des Übersetzers.

 

Die Stimmgabel

Laudatio auf Anne Birkenhauer zur Verleihung des Paul Celan-Preises am 20. Oktober 2016 auf der Frankfurter Buchmesse

Von Lothar Müller

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Anne Birkenhauer,

wir können uns die ideale Übersetzung als möglichst verlustfreien Transport von Inhalten aus der einen in die andere Sprache vorstellen. Aber wir tun gut daran, uns mit dieser Container-Theorie nicht zu bescheiden. Ein Wort, das uns ins Grübeln und zur Unbescheidenheit verführen kann, ist das Wort „Weltansicht“. Wilhelm von Humboldt hat es mit der Bedeutung versehen, die es zum Schlüsselwort für Übersetzer mach. In jeder Sprache, schrieb er, liege eine eigentümliche Weltansicht, die nur mit dieser Sprache verbunden sei. Weltansicht, das ist etwas anderes als Weltanschauung, sie geht den Gedanken und Meinungen voraus, sie ist der Einfallswinkel, von dem aus eine Sprache die Welt erfasst und in sich aufnimmt,

An Wilhelm von Humboldt und seine Theorie der in den Sprachen enthaltenen Weltansichten mußte ich denken, als ich vor knapp vier Jahren, am 27.Oktober 2014 im neuen Akademie-Gebäude des Jüdischen Museums in Berlin saß und Anna Birkenhauer zuhörte, die dort ihre Antrittsvorlesung zur August-Wilhelm-Schlegel-Professur für Poetik der Übersetzung hier, die sie an der Freien Universität Berlin bekleidete. Statt eine Übersetzungstheorie zu entwickeln, wandte sie sich sogleich der Sprache zu, aus der sie übersetzt, dem Hebräischen, erläuterte, was sie an dieser „altneuen Sprache“ fasziniert, in der sie sich nun seit einem Vierteljahrhundert bewegt,  und dann sprach sie über die Vielstimmigkeit des Hebräischen, über die verschiedenen Sprachen, die in dieser einen Sprache enthalten sind. Über das Echo des Hebräischen, in dem Gott die Welt erschaffen hat, im modernen Ivrith, über das Überleben des Hebräischen im Exil der Juden als Schriftsprache, über seine Wiederkehr als gesprochene Sprache seit dem 19.Jahrhundert, und über die Nachbarsprachen des Hebräischen, als die Juden in der Welt verstreut waren, das Jiddische, Ladino oder Judeoarabisch, in dem sie mit ihrer nichtjüdischen Umwelt kommunizierten.

Kurz, Anne Birkenhauer entfaltete die innerjüdische Perspektive auf die Sprache, aus der sie übersetzt, das Hebräische.  Sie ist 1961 in Essen geboren, in Tübingen aufgewachsen, und hat, als sie  im Alter von 19 Jahren mit der Aktion Sühnezeichen zum ersten Mal nach Israel ging,  mit dem Eintauchen in diese Sprache begonnen, Judaistik und Germanistik in Berlin studiert, und in dem  Jahr, in dem in Deutschland die Mauer fiel, nach Israel eingewandert. Es ist nicht selbstverständlich und nicht immer so, dass, wer in ein Land einwandert, zugleich auch in dessen Sprache einwandert. Bei Anne Birkenhauer war beides von Beginn an verbunden, und sie muß früh die Eigenart des Hebräischen entdeckt haben, über die sie in Berlin sprach: die Vielstimmigkeit, die Polyphonie. Und zugleich die Besonderheit, die das Sprachenpaar Hebräisch-Deutsch prägt, das Terrain ihrer Übersetzungen. Es gab und gibt in Israel Autoren, die es nicht gestatten, daß ihre Werke ins Deutsche übersetzt werden, und es gibt Autoren wie Aharon Appelfeld, der aus der Nähe von Czernowitz stammt, für die Deutsch keine Fremdsprache ist, sondern Teil der Herkunftswelt.

Aharon Appelfeld gehört zu den Autoren, die Anne Birkenhauer übersetzt hat, und da sie zu den Übersetzern zählt, die sich in Nachworten, Essays und Aufsätzen ihrer Arbeit vergewissern und Rechenschaft über sie ablegen,  gibt es von ihr einen erhellenden Essay über die Probleme beim Übersetzen von Appelfeld ins Deutsche. „Deutsch ist die Sprache seiner Mutter und die Sprache der Mörder seiner Mutter. Hebräisch ist die Sprache, in der er über die Welt schreibt, die er in deutsch und in anderen Sprachen erlebt hat.“ Das ist einer der Ausgangspunkte der Übersetzerin Anne Birkenhauer, Teil ihrer Erkundung der Vielstimmigkeit des Hebräischen. Ihr Essay über Appelfeld enthält en passant auch ein Selbstporträt. Es entsteht, während sie im Hebräischen Appelfelds den Elementen der deutschen Sprache nachspürt, die darin herumgeistern, es entsteht, während sie an einigen schlichten Worten aufzeigt,  daß im Hebräischen Appelfelds ein Element von Nicht-Selbstverständlichkeit steckt, die Erfahrung dessen, der in eine Sprache eingewandert ist und es entsteht, während sie begründet, warum sie bei ihm das Wort „kirkara“ nicht mit Kutsche und nicht mit Pferdewagen, sondern mit Droschke übersetzt. In den Selbstporträts, die man zwischen den Zeilen in den Essays von Anne Birkenhauer finden kann, ist sie immer auf der Suche nach der Stimmgabel für die Übertragung eines einzelnen Textes, für die Übertragung des Hebräischen insgesamt, und ich würde hinzufügen, des Hebräischen und seiner Weltansicht.

Mit dieser Stimmgabel erkundet sie die moderne experimentelle Prosa, den Slang der heutigen Einwanderer nach Israel, die Zwischentöne in der modernen hebräischen Lyrik seit Chaim Bialik. Wollte ich Ihnen die Übersetzerin Anne Birkenhauer insgesamt vorstellen, so müßte ich nun die andere Seite ihrer Arbeit nachzeichnen, die Erkundung des Deutschen. Denn die Vielstimmigkeit, die Polyphonie des Hebräischen, von der sie spricht, hat einen starken Strahlungskern, der überall hin abstrahlt, auch auf die völlig säkularen Autoren: die Anwesenheit des biblischen Hebräisch in jeder gegenwärtigen Sprachstufe des modernen Hebräisch. Die Frage, wie sich dies ins Deutsche übertragen läßt, ist die Frage nach dem Echo der Lutherbibel, nach der Bedeutung der Bibel-Übersetzung Luthers für die deutsche Literatursprache. Anne Birkenhauer hat sich in einem jüngst erschienenen Essay dieser Frage gestellt, und ich würde Ihnen jetzt gerne demonstrieren, wie sie zum einen keinen Zweifel daran läßt, daß Luther auf die Weltansicht des Hebräischen keine Rücksicht genommen hat, und wie sie zum anderen begründet, warum sie für die Herstellung des biblischen Tons im Deutschen dennoch Luther bleibt. Ich muß mich mit dieser Andeutung begnügen und mit dem Hinweis, daß hier, in der nachdenklichen Genauigkeit, mit der Anne Birkenhauer ihre Stimmgabel auf die historischen Sprachschichten im Deutschen wie im Hebräischen richtet, einer der besten Gründe dafür liegt, ihr just den Paul Celan-Preis zuzuerkennen.

In das Deutsch des Briefwechsels zwischen Paul Celan und Nelly Sachs ist in hebräischen Schriftzeichen der Gruße Friede und Segen eingelassen, zu den Gedichten von Nelly Sachs wie von Paul Celan gehört der Rückgriff auf das Sohar, auf Sprachformen der Kabbala, auf die Psalmen, all das aber in der deutschen Sprache.

Wie gesagt, ich kann diese  Regionen der Übersetzertätigkeit Anne Birkenhauers nur andeuten, aber sie geraten nicht vollkommen aus dem Blick, wenn ich Ihnen nun ein aktuelles Beispiel ihrer Kunst vorführe, David Grossmans Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“. Ich selbst kann kein Hebräisch, weder das biblische noch das moderne, ich kenne nur das Deutsch, in das Anne Birkenhauer schon David Grossmans großen Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ und seinen elegisch-dramatischen Text „Aus der Zeit fallen“ gebracht hat. Vielstimmigkeit, die Anwesenheit älterer Sprachschichten in der Gegenwart hörbar zu machen, darauf legt Anne Birkenhauer großen Wert. Hier, in „Kommt ein Pferd in die Bar“, hat sie es mit einem weiten Spektrum zu tun, dem O-Ton des Komödianten Dovele, der auf einer eher tristen Bühne in Netanja am Meer das Publikum mit einer Show unterhält, die sich vom üblichen Potpourri aus Zweideutigkeiten und Anzüglichkeiten in eine immer beklemmendere Selbstenthüllung des Comedian verwandelt. Grossman hat dem Comedian einen nüchternen, aber von innerer Unruhe brodelnden Juristen gegenübergesetzt, einen halb vergessenen Jugendfreund, aus dessen Perspektive wir das Bühnengeschehen, die Reaktionen des Publikums verfolgen, und so ist es ein mehrstimmiger Roman. Ich möchte mich auf einen Aspekt konzentrieren, die Art, wie Anne Birkenhauer die sprachliche Hintergrundswelt dieses Dovele und seiner traurigen Lebensgeschichte zur Darstellung bringt.

Das beginnt schon auf den ersten Seiten, als der Comedian von seinen Eltern zu erzählen beginnt und in einer Suada von Zweideutigkeiten die seltsam asexuelle Atmosphäre zwischen ihnen heraufbeschwört:

„Abe dass er sie mal wirklich so angefasst hätte, wie ein Mann eine Frau anfasst, von mir aus auch nur mal kurz im Flur über den Hintern gestreichelt, wie man mal eben mit der Pita durch den Hummus wischt, das hab ich im Leben nicht gesehn,  und deshalb, Freunde, sagt ihr mit jetzt mal, ihr seid ja kluge Leute, ihr habt euch schließlich entschieden, hier in Netanja zu wohnen, also erklärt mit bitte, warum zum Teufel er sie nie angefasst hat, warum nicht? Gottes verdammte Wege sind unergründlich.“

Hummus und Pita, das könnte man in deutsche Alltagsgastronomie übertragen: „wie man mit den Pommes durchs Ketchup fährt“. Anne Birkenhauer hat sich für das kurze Aufblitzen des israelischen Alltags im Deutschen entschieden. (Und sie, die in Jerusalem lebt und wahrscheinlich nicht jeden Abend deutsche Comedy im Fernsehen anschaut, war sich übrigens nicht zu schade, für den deutschen Ton des Comedian Dovele den Rat einer Kollegin, der  slangerfahrenen Übersetzerin Pieke Biermann zu suchen). Sie brauchte diese kleinen Signale, Hummus und Pita, weil sie später, wenn Dovele immer zielstrebiger auf den dunklen Kern seiner Lebensgeschichte zusteuert, das Gegenüber zum Ivrith anklingen lassen wird, das mit der Herkunftswelt seiner Eltern unlösbar verknüpfte Jiddische. Just da, wo Dovele erzählt, wie ihm damals, als er jung war und zu der Beerdigung fuhr, jemand den Witz erzählt, der dem Roman den Titel gibt, den Witz vom Pferd, das in die Bar kommt, kommt die Erinnerung an die Stimme der Mutter ins Spiel, die ihm ein Schlaflied singt: „ai li luli lu, schlof schojn main taier fejgele, mach schojn zu dain koscher ejgele“.

Schlaf ein, mein Kind, schlaf ein, das kommt schon auch noch vor in der Übersetzung von Anne Birkenhauer. Aber sie verfährt hier mit Recht nach dem  Grundsatz, den Franz Kafka in Prag 1912 bei seinem Vortrag über den „Jargon“ entwickelte. Er gab seinem westjüdischen Publikum zu verstehen, dies sei eine literaturfähige Sprache, die es respektieren, nicht verachten solle. Und zugleich gab er ihm zu verstehen, man könne das Jiddische – bei ihm hieß es Jargon – in alle möglichen Sprachen übersetzen, nur nicht ins Deutsche. Es sind nur ganz geringe Einsprengsel des Jiddischen, die Anne Birkenhauer so beläßt, wie ich vermute, daß sie auch im hebräischen Original stehen. Aber ohne sie wäre der Abgrund weniger tief, in den wir als Leser blicken, während Dovele auf der Bühne steht. Anne Birkenhauer weiß, wovon sie spricht, wenn sie von der Vielstimmigkeit des Hebräischen spricht. Und wir werden durch dieses Wissen und die Gestalt, die es im Deutschen annimmt, bereichert.

Herzlichen Glückwunsche zum Paul-Celan-Preis 2016, Anne Birkenhauer!

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Paul-Celan-Preis 2016 an Anne Birkenhauer © Felix Gerhards