Netzroman

Der Netzroman war ein Online-Experiment, eine Erzählung, die der Leser verfolgte und beeinflusste, während er sie las. Er sollte die seit Jahrhunderten als editorische Textstufen bezeichneten Entstehungsprozesse von Literatur in die digitale Gegenwart transportieren. Vorarbeiten, Entwürfe, Streichungen, Neufassungen – all das, was bisher hinter dem fertigen Buch verborgen blieb und allenfalls der Editionsphilologie vertraut war, konnte im Netz – etwa in Form von Hypertexten – sichtbar gemacht werden. Und nicht nur das: Es wurde aus seiner bisherigen Stieftöchterlichkeit befreit und selbst Teil des Werkes und der Lektüre.

Der renommierte Münchner Schriftsteller Thomas Lang hat über einen Zeitraum von sechs Monaten einen Roman geschrieben – aber eben nicht abgeschottet im stillen Kämmerlein, sondern ganz offen im Netz. Die Leser rezipierten nicht mehr nur das fertige Textergebnis, sondern den gesamten kreativen Prozess, z.B. indem der Autor Fotomaterial seiner Entwürfe, Notizen und Recherchen zugänglich machte oder mehrere Textvarianten zur Debatte stellte. So konnten die Leser jeden Fortschritt, jede Entwicklung und Veränderung in real time verfolgen, kommentieren und im Austausch mit dem Autor auch beeinflussen. Der Schriftsteller erweiterte entsprechend ebenfalls seine Rolle; er agierte auch als Weber, als ausführender Teil eines kollektiven Kreativgeflechts.

Auf einer zweiten Textebene hat er zudem den Prozess des Schreibens selbst reflektiert und mit den Usern grundlegende Fragen zur Entstehung von Literatur diskutiert: Wie haucht man einer Figur Leben ein? Wie viel Wirklichkeit braucht die Fiktion? Wie findet man seinen eigenen Ton?

In letzter Konsequenz setzte dieses Experiment spielerisch um, wovon Philosophie und Science-Fiction gleichermaßen seit langem träumen: Lesen und Schreiben als ein Vorgang. Der Leser schreibt den Roman mit – indem er ihn liest.

Der Deutsche Literaturfonds e.V. förderte das Projekt mit einem seiner Autorenstipendien. Das Literaturportal Bayern begleitete den Netzroman in seinem Blog.

Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien