Kranichsteiner Literaturpreis 2018
an Thomas Lehr



 

 

Kranichsteiner Literaturpreis 2018

Thomas Lehr (Copyright: Peter-Andreas Hassiepen)
                                                                      (© Peter-Andreas Hassiepen)

Der vom Deutschen Literaturfonds vergebene und mit 20.000 Euro dotierte Kranichsteiner Literaturpreis geht in diesem Jahr an Thomas Lehr. In der Begründung der Jury, der Bettina Fischer, Wilfried F. Schoeller und Christine Wahl angehören, heißt es:

„Der in Speyer 1957 geborene, heute in Berlin lebende Autor zahlreicher Romane und Geschichten schreibt sich mit seinem Werk, vor allem mit dem zuletzt erschienenen Großroman ‚Schlafende Sonne‘, wie kaum ein anderer deutscher Autor in die Fazilitäten der Moderne ein. Er bildet aus intellektuellen Abenteuern, philosophischen Beständen, naturwissenschaftlichen Kenntnissen und seinem besonderen Epochenverständnis ein überwältigendes sprachliches Kunstwerk, das den romantischen Traum vom Universalroman noch einmal aufnimmt. Im Patchwork aus privatem und aus öffentlichem Material führt Lehr eine Dreierkonstellation vor, die sich dem Spiel der Andeutungen, der literarischen Parallelführung, der Liebe und der Liebe zum Buch im Buch, der heiteren Freude und den schwirrenden Sinnen widmet. Wissenschaft und Literatur sollen erneut verschmolzen werden.

Thomas Lehrs Bücher sind Herausforderungen an die Leser – wie alle Gebilde aus Welt und Sprache; sie beschenken den Lesemutigen mit dem Versprechen, dass diesem Buch eines klug ausgreifenden Erzählers zwei weitere Teile folgen werden.“

Der Preis wurde am 16. November 2018 im Literaturhaus Darmstadt überreicht.

 

Laudatio auf Thomas Lehr von Meike Feßmann

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Thomas Lehr,

siebeneinhalb Millionen Jahre hat er gegrübelt und gerechnet, Deep Thought, der berühmte Supercomputer aus Douglas Adams Kultbuch „Per Anhalter durch die Galaxis“. Dabei ging es nur um eine einzige Sache. Die allerdings hatte es in sich. Sie ist die Mutter aller komplizierten Fragen: Was ist der Sinn des Universums? Die Antwort fiel bekanntlich knapp aus: „zweiundvierzig“. Ist das schön? Ist das schlau? Ist das einfach oder kompliziert? In den Naturwissenschaften gilt die knappste Lösung als die beste. Wer Komplexität auf eine Formel bringen kann, die sich nicht weiter vereinfachen lässt, ohne den Grad der Komplexität zu verringern, hat mit der elegantesten Lösung zumindest vorläufig gewonnen. Der Weg dorthin kann allerdings weit sein. Noch immer sucht man in der theoretischen Physik nach einer Theorie über den Ursprung des Universums, mit der sich die Erkenntnisse der Quantenmechanik und der Relativitätstheorie vereinheitlichen lassen.

„42“, so hat Thomas Lehr einen Roman genannt, in dem die Zeit stillsteht. Im Genfer Kernforschungszentrum CERN, so die Fiktion, muss mit DELPHI, einem Experiment mit dem damaligen Teilchenbeschleuniger, etwas schiefgelaufen sein. Am 14. August 2000 um die Mittagszeit fährt eine Gruppe von Besuchern 105 Meter tief ins Juragestein. Als sie ans Tageslicht zurückkehrt, ist die Außenwelt erstarrt. In einer ungefähr auf Armlänge wirkenden Blase aus Eigenzeit taumeln die Überlebenden durch die postapokalyptische Welt. Nur wenn es ihnen gelingt, die eigene Chronosphäre mit einer anderen zu koppeln, entsteht ein fast normaler Raum, eine Art Zeit-Zelt, in dem sie sich wie soziale Wesen begegnen können.

Intellekt und Emotion, Geist und Eros gehen bei Thomas Lehr eine ungewöhnlich starke Verbindung ein. Er ist der Iron Man unter den Gegenwartsschriftstellern, einer, der sich vor keiner Herausforderung scheut. Höher, weiter, schneller, größer. Warum nicht? Er weiß, dass er alles kann. Er reizt seine Möglichkeiten aus, und er führt den Leser und die Leserin in den Grenzbereich dessen, was man mit Literatur anstellen kann. Trotzdem ist er kein experimenteller Autor, der nur mit der Sprache spielt. Er ist ein realistischer Schriftsteller auf der Höhe der Moderne, der Romantradition also, die mit Flaubert beginnt und der Tatsache Rechnung trägt, dass jedes Ereignis eines Romans durch das Nadelöhr mindestens eines Bewusstseins hindurchmuss. Was aber geschieht, wenn man versucht, aus der Sphäre von mehr als einem Bewusstsein zu erzählen, aus einer Art transzendentem Kugelblitz, einem Geist in Bewegung, vernetzt und enerviert in mehreren Körpern? Wäre das verrückt? Wäre es größenwahnsinnig? Oder wäre das womöglich die angemessene Form, wie wir mit eng verbundenen Menschen zusammenwirken?

Niemand kennt die Gedanken des anderen wirklich. Und niemand kann wissen, wie sich Gefühle anfühlen, wenn sie von einem anderen Körper als dem eigenen empfunden werden. Einem Körper mit anderem Nervensystem, mit anderen Sinneswahrnehmungen und Erfahrungen, gesteuert von einem anderen Gehirn, in dem unbewusste Vorgänge die bewussten bei weitem überlagern. Aber natürlich wäre es reizvoll, zu wissen, was man aus einer fremden Perspektive wahrnehmen kann.

Die modernen Medien haben uns längst daran gewöhnt, an mehreren Orten gleichzeitig zu sein. Dort, wo unser leiblicher Körper ist, und dort, wo wir zu sein meinen, wenn wir mediale Repräsentationen verwenden. In seinem Roman „September. Fata Morgana“ hat Thomas Lehr eines der großen kollektiven Ereignisse der letzten Jahrzehnte aufgegriffen, ein Ereignis von globalem Maßstab: die Attentate vom 11. September 2001 und ihre politischen Folgen. Fast jeder erinnert sich, wo er war, als die ersten Nachrichten eintrafen. Unendlich schien der Loop der Bilder, immer und immer wieder konnte man die Flugzeuge vor dem blauen Septemberhimmel in die Türme des World Trade Centers nicht krachen, sondern schweben sehen. Denn auf den Bildschirmen der Welt geschah das New Yorker Ereignis in Zeitlupe.

Thomas Lehr erzählt in seinem Roman von zwei Vater-Tochter-Paaren, dem deutschen Literaturwissenschaftler Martin und seiner amerikanischen Tochter Sabrina, sowie dem irakischen Arzt Tarik und seiner Tochter Muna. Weil sie ihrer Mutter, die in den Türmen arbeitet, die Einwilligung zu einer Kalifornien-Reise abluchsen will, ist Sabrina zur falschen Zeit am falschen Ort und kommt bei den Attentaten ums Leben. Muna gerät drei Jahre später in Bagdad auf offener Straße in ein Attentat und stirbt. Jede Figur hat ihre eigene Stimme. Und so macht der Roman in Form eines vierstimmigen rhapsodischen Gesangs geradezu körperlich spürbar, was es heißt, wenn mit dem Tod eines Menschen eine ganze Welt untergeht.

Wissen zu wollen, wie es sich anfühlt, ein anderer oder eine andere zu sein, ist einer der Gründe, warum wir lesen. Von allen Künsten ist die Literatur die intimste Kunst. Mit der Sprache lassen sich Körpergrenzen leicht überwinden. Jeder weiß, wie tief ein Wort treffen kann, wie schwer man einen gezielt geführten Stich wieder loswird, wie sehr aber auch ein ermunterndes Wort beflügelt. Das datenverarbeitende System in unserem Schädel verwandelt Worte biochemisch in Euphorie oder dämpft unsere Laune bis zur Niedergeschlagenheit. In der Sprache gibt es keine Grenzen, nur die der eigenen Imaginationsfähigkeit.

„September. Fata Morgana“ war 2010 bereits ein Höhepunkt in Thomas Lehrs Werk, das spätestens seit seinem dritten, 1999 erschienenen Roman, „Nabokovs Katze“, hoch gehandelt wird. Dass er sich weiter steigern wird, war zu erwarten, wenn auch nicht leicht vorstellbar. Und dann ist ihm mit „Schlafende Sonne“, seinem jüngsten Roman, ein Werk geglückt, das selbst eingefleischte Lehr-Fans staunen lässt. Es nimmt uns mit in den Spiralwirbel eines weiblichen Bewusstseins, dessen Energielevel so hoch ist, dass es nicht nur die eigene Erinnerung jederzeit vergegenwärtigen kann, sondern auch Bewusstseinspartikel anderer an sich bindet. So zumindest könnte man beschreiben, was zwischen Milena Sonntag, einer Künstlerin, und ihrem Mann Jonas, einem Astrophysiker, nicht nur an jenem Augusttag 2011 geschieht, um dessen Achse der Roman rotiert. Die beiden sind so aufeinander eingestimmt, dass das Du des jeweils anderen zum eigenen Bewusstsein gehört, ineinander verzwirbelt wie eine Doppelhelix.

Es ist Milenas großer Tag. Ihre erste umfassende Werk-Retrospektive soll am Abend in Berlin eröffnet werden, wo sie mit ihrer Familie lebt. Es gibt viel zu tun. Sie selbst ist völlig von ihrer Ausstellung absorbiert. Jonas kümmert sich um die beiden Kinder, wie so oft. Und er soll auch jenen Dritten im Bunde abholen, unter dessen erotischer Patenschaft sie vor Jahren zusammenkamen. Doch Rudolf Zacharias, Milenas Lehrer und einstiger Liebhaber, der als freischwebender Philosoph in Tokio unterrichtet, verspätet sich. Im Flugzeug nach Frankfurt ist ihm eine alte Liebe wiederbegegnet, und er nimmt sich mit ihr einen Tag Auszeit im Flughafenhotel.

Das Licht, der Raum und die Zeit, die großen physikalischen Zauberkünstler, sind Helden, die der studierte Naturwissenschaftler Thomas Lehr wie nebenbei mitlaufen lässt. Sie bilden die starke Hintergrundstrahlung des Romans, geben ihm sein Glühen, seine somnambule Wirkmacht und seine zentrale Metapher: „Schlafende Sonne“. Der 1957 in Speyer geborene Schriftsteller liebt die intellektuelle Herausforderung ambitionierter Romankonzepte. Aber er weiß auch, dass die Figuren Dreh- und Angelpunkt eines jeden Romans sind. Sie halten nicht nur den Autor selbst bei der Stange und bündeln das Interesse des Lesers. Sie sind im modernen Bewusstseinsroman auch die Prismen, durch die wir das Geschehen wahrnehmen. Einen tumben Toren, einen Simplicissimus würde dieser Autor niemals zum Helden oder gar zum Erzähler machen. Warum sollte man das eigene Niveau unterbieten? Interessanter ist es doch, die Leser nach oben zu ziehen. Und wenn ein Roman klug konstruiert ist, wird er von selbst schlauer als der Konstrukteur. Kein Mensch kann die Interferenzen und Rückkopplungseffekte eines Romans wie „Schlafende Sonne“ überblicken. Auch der Autor nicht.

Die Protuberanzen von „Schlafende Sonne“ reißen uns mit in eine Umlaufbahn, die unsere Vorstellungskraft aufs Äußerste strapaziert. Wir müssen uns jederzeit mehrere Dinge zugleich vorstellen können: dass alles, was wir lesen, die Gedanken und Erinnerungen von Milena Sonntag sind, aber auch, dass wir mit diesem Roman die Räume ihrer Ausstellung abschreiten. Aber lässt sich das trennen? Befinden wir uns nicht die ganze Zeit im Kopf der gleichermaßen aufgekratzten wie erschöpften Künstlerin? Im Kopf einer Frau, die, 1970 geboren, in der DDR aufgewachsen, nun mit 40 Jahren auf den Höhepunkt ihres Ruhms zusteuert, und doch mehr hinter sich hat als künstlerische Zweifel, erotische Höhenflüge und Abstürze, die üblichen Anstrengungen des Familienlebens, das Auf und Ab der Liebe (gerade ist sie zu ihrer Galeristin gezogen, weil Jonas sie betrügt).

Vor fünf Jahren wurde sie in Tel Aviv von einer Bombe in die Luft geschleudert. Sie nennt das nur „die Explosion“. Ihr Leben hing monatelang an einem Faden, man könnte auch sagen, an der Nabelschnur, die sie mit ihrer Familie verband. Die Ausstellung, die abends eröffnet werden soll, der Roman wird die Mittagszeit nicht überschreiten, ist ein Panorama autobiografischer Szenen, mit starkem Akzent auf der Leiblichkeit. Man darf sie sich getrost wie eine Ausstellung von Louise Bourgeois vorstellen, von der auch das Motto des Romans stammt. Sie ist auch ein Panorama des 20. Jahrhunderts und reicht zurück bis zu den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Ein ganzer Erzählstrang ist der Phänomenologie Edmund Husserls und seiner Schülerin Edith Stein gewidmet, der Frage also, wie Philosophie zur „strengen Wissenschaft“ werden kann und welche Rolle Einfühlung und Intersubjektivität spielen.

„Schlafende Sonne“ ist bis in die Form hinein ein philosophischer Roman. Im Jahr der Reaktorkatastrophe von Fukushima spielt er die großen Fragen der Zeit in allen Schattierungen durch. Und er ist zugleich ein Eheroman, der von den Zerreißproben des Alltags erzählt und von den vielen kleinen Dingen, die zwei Menschen verbinden. Als hätte er die Weltformel schon gefunden, die Quantenphysik und Gravitationstheorie verbindet, lässt er sein liebendes und streitendes Menschenpaar auf den Schwingen seiner Prosa als Raumzeitsurfer durch die Weiten des Alls gleiten. Thomas Lehr ist ein großer Epiker und ein Meister des Details. Er schreibt die lebendigste intellektuelle Prosa, die es derzeit in deutscher Sprache gibt. Man könnte ihm jeden Preis der Welt geben. Der Jury kann man also voller Überzeugung zu ihrer Wahl gratulieren – und dem Preisträger auch. Herzlichen Glückwunsch, lieber Thomas Lehr, zum Kranichsteiner Literaturpreis 2018!

 

Dankesrede zum Kranichsteiner Literaturpreis 2018

Sehr geehrter Herr Kässens, Sehr geehrter Herr Busch, Sehr geehrter Herr Nickel, Liebe Meike Feßmann, Liebe Jurymitglieder, Liebe Gäste,

Wenn ich durch die Ehre des Kranichsteiner Literaturpreises die Gelegenheit erhalte, vor den Vertretern des Deutschen Literaturfonds zu sprechen, dann will ich sie unbedingt nutzen, um ein dankbares Lob zurückzugeben. Für mich und für so zahlreiche Schriftstellerkollegen stellt das Stipendium des Literaturfonds die bestmögliche Förderung dar, die man während der Arbeit an einem künstlerischen Projekt erhalten kann. Das liegt daran, dass sie zugleich dezent und kundig ist: Man muss außer seiner schriftstellerischen Arbeit keinerlei Kunststückchen vorführen, sich nirgendwo anders hinbegeben als in das eigene Arbeitszimmer, und man weiß, dass man von einer qualifizierten Jury unter einer großen Bewerberzahl ausgewählt wurde. Das ist in einer Phase, in der man von der Fertigstellung des Werks, von anderen Auszeichnungen, manchmal sogar auch von der Publikationsmöglichkeit noch weit entfernt ist, eine große Ermutigung und materielle Erleichterung zugleich, ein wunderbarer pränataler Glücksfall, wenn ich so sagen darf.

Sehr erfreut und berührt hat mich auch die emphatische Kurzbegründung der Jury in der Presseerklärung zum Kranichsteiner Preis. Mit der Formulierung, dass ich ein sprachliches Kunstwerk geschaffen habe, das den romantischen Traum vom Universalroman noch einmal aufnehme, brachte sie mich aber auch zum Nachdenken und dann gleich auf das weit gefasste Thema dieser Dankesrede. Im Athenäumsfragment 116 von Friedrich Schlegel heißt es also:

Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. … Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen, und durch die Schwingungen des Humors beseelen.

Eigentlich habe ich dem nichts hinzuzufügen – außer der Hoffnung, dass mir etwas Ähnliches gelingen möge. Ich frage mich nur, ob Schlegel genügend an die Politik und die Philosophie gedacht hat. Aber wenn man über die Gesellschaft spricht, die poetisch werden soll, und den Rahmen des gediegnen Bildungsstoffes etwas dehnt, dann passe ich ganz fröhlich hinein in dieses poetologische Programm.

Damit kann man allerdings schon mal Anstoß erregen. Bei der recht generell verfahrenden Longlist-Lesung zum Deutschen Buchpreis 2017, die das Publikum mit zwanzig Autorenlesungen à zehn Minuten hintereinander weg zu sättigen versuchte, fragte mich die Moderatorin zum Eingang: “So, Sie sind also ein Schriftsteller mit Universalanspruch?“ – Sie meinte das nicht als Kompliment, ja ich fürchte, sie meinte es überhaupt nicht gut mit mir. „Universalanspruch?“, erwiderte ich, „nun ja, eigentlich sollte den jeder anständige Autor haben.“ So kam es wenigstens zu einer Schwingung des Humors.

Ganz ernsthaft meinte ich meinen Universalismus in diesem Zusammenhang auch nicht. Ich bin als Kunstkritiker, das heißt als Leser offen für alle möglichen Ansätze, Teilansätze, Spezialansätze. Ich mag Tolstoi und Tschechow, Proust und Kafka, Joyce und Lichtenberg, Rilke, Updike und Pynchon – und noch einige ganz andere, weniger kanonisierte Autoren. Als ästhetischer Demokrat halte ich viele Poetiken für möglich und brauchbar, denn ich fasse sie instrumentell auf, nicht dogmatisch. Poetiken sind persönliche Maximen für den Einzelkünstler, nicht Normen für die Gesamtkunst. Die Kunst insgesamt mag eine Aufgabe haben, der einzelne Künstler aber hat die Aufgabe, sich keine geben zu lassen – und die Freiheit, sich selber eine zu stellen. Folglich kann er über das Universum schreiben oder über ein Sandkorn, über den Himmel oder eine einzelne wilde Blume darunter, Hauptsache, es gelingt und er oder sie schafft ein berührendes Werk.

Was mich selbst anbelangt, so stelle ich mir zugegebenermaßen ziemlich universelle Aufgaben. Je älter ich werde, desto universeller, wollte ich fast sagen – allerdings hoffe ich auf ein sehr, sehr kurzes Alterswerk. Das Universelle aber liegt für mich in der Natur des Romans begründet, als eine seiner größten Potenzen. Ich wollte deshalb immer weniger Autor oder Schriftsteller werden als Romancier. Einen Roman schreiben zu können oder gar mehrere, war von Anfang an, von der ersten professionell werden wollenden Zeile an, die ich schrieb, das künstlerische Ziel.

Wärme ein Küken – es wird kalt. Rühr dich nicht – und du sinkst auf den Seegrund wie ein Stein … Lass den Ast los, du stürzt zu Boden. Fasse an den Ofen – du verbrennst dich, auch wenn du in der ersten Sekunde glaubst, deine Finger machten eine Ausnahme und seien nur gerötet. Was konnte man tun? Gab es dafür keinen Beruf?

So hieß es in meinem Debüt Zweiwasser oder Die Bibliothek der Gnade über die Wahrnehmung eines Zehnjährigen. Am Anfang steht die Wahrnehmung von Welt als hermetische Totalität, verbunden mit dem Gefühl, darauf reagieren zu wollen, das sich später steigert und mit der Erkenntnis paart, dass es keine einzelne Disziplin gibt, die der Totalität entspricht, und bald auch, dass vielleicht die Erkenntnis allein noch nicht unbedingt der Trost wäre, den man suchte. Die Entdeckung der Literatur als lesendes Kind, als lesender Jugendlicher und junger Erwachsener machte es dann immer klarer, dass es eine kulturell approbierte Reaktion auf den großen hermetischen Zusammenhang gibt. Keine Kunstform schien mir die Totalität der Welt besser spiegeln zu können als der Roman, der wenigstens im zeitlichen Sinne das anspruchsvollste Kunstwerk darstellt. Denn er verlangt oft jahrelange, manchmal jahrzehntelange Arbeit des Künstlers und er nötigt dem Betrachter, dem Leser, maximale Aufmerksamkeit und Mühe ab, schließlich muss er für kaum ein anderes Kunstwerk zwanzig, vierzig oder noch mehr Stunden schier ungeteilte Aufmerksamkeit aufbringen. Da kann ein Universalanspruch schon allumfassend nerven …

Wenn ich über die tiefer liegende Wurzel des Universalanspruchs nachdenke, dann komme ich auf die Vermutung eines anthropologischen oder vielleicht besser eines magischen Grundbedürfnisses, die komplette Lebenswelt gespiegelt zu sehen und sich dadurch ihrer symbolisch zu bemächtigen. Die Lebenswelt ist uns in einer unfasslichen Totalität gegeben, die umso ungeheuerlicher erscheint, je sensibler man sie wahrnimmt. Ein Mensch fühlt sie – eine Romanfigur kann diese Empfindung fast perfekt wiedergeben. Jeder von uns steckt in einer wahrhaft faustischen Universalität, schon wenn er morgens (damit hätten wir Zeit und Chronologie) sich ins Badezimmer begibt (also den mindestens vierdimensionalen Raum durchquert), das Licht (um Himmels willen!) anschaltet, sich vor das optische Wunderwerk des Spiegels stellt, sein Gesicht erscheinen sieht (im Prinzip die Krone der Biologie, das Ergebnis von Millionen Jahren Evolution, im Einzelfall vielleicht ein eher zweifelhaftes Resultat), das Bewusstsein und damit mindestens dreitausend Jahre Selbstbewusstseinsphilosophie anschaltet und dann noch womöglich das Radio, das ihm die Nachrichten vorspielt … Nur zur Not kommen Sie hier noch mit einem Gedicht hin.

Das Universell-Sein-Wollen schafft natürlich besondere Probleme, auch wenn Thomas Mann sagt, nur das Ausführliche sei wirklich unterhaltsam. Man muss das Schlegelsche Verschmelzen und Vermischen lernen – so dass sich möglichst viel Genialität und Witz und Gesellschaftlichkeit einstellen, dann funktioniert es schon, einen offenen und wagemutigen Leser bei Laune zu halten. Allerdings darf man nur wenige mathematische Formeln verwenden, schließlich ist der Roman keine Wissenschaft, hier gilt, glaube ich, der Döblin-Pynchon-Standard von einer physikalischen Gleichung pro Lebenswerk (ich habe mein mathematisches Pulver also bereits in meinem Roman 42 verschossen). Freilich kann der Roman Wissenschaft verwenden, wie der postromantische Robert Musil sagte, oder sie auf Schlegelsche Weise verschmelzen und vermischen. Er sollte das auch tun, meiner Meinung nach, weil wir heutzutage die Welt ohne die Wissenschaften nicht nur mehr nicht begreifen, sondern noch nicht einmal mal zutreffend bemalen oder beschreiben können. Als Romancier betreibe ich keine Wissenschaft, sondern ich betrachte sie und ich betrachte mit ihrer Hilfe. Ich nutze ihr Röntgenpotential, um tiefer zu schauen, und ich sehe sie als Täterin zum Guten wie zum Dubiosen oder gar Bösen in der technisch und industriell geprägten Welt.

Was ist eigentlich noch ein Roman, wenn man die Welt so enzyklopädisch sieht? Was ist ein moderner oder gar postmoderner universeller Roman? Welchen Standards darf, soll, muss, er genügen? Als Anhänger der demokratischen Methode – in Kunst und Welt – suchte ich lange Zeit nach einer einfachen und doch möglichst offenen Definition. Schließlich kam ich darauf zu sagen: Ein Roman ist ein vorwiegend prosaischer Text, der mit Hilfe von Figuren erzählt. Das ist wohl nahe an Schlegels Forderung, die Poesie lebendig und gesellig zu machen. Für mich sind die Romanfiguren, die Repräsentanten wirklicher oder erfundener Menschen, die wichtigsten Untersuchungsinstrumente, sie sind U-Boote, Sonden, Satelliten, Drohnen und Avatare. Sehen Sie die Welt mit den Augen eines Arztes, eines Frontsoldaten, eines Dichters, eines Pubertierenden, eines Wahnsinnigen, eines Physikers, eines Flüchtlings, eines Kindes, einer Ministerin, einer Philosophin, einer Künstlerin – und schon erhalten Sie ein schillerndes Geflecht. Figuren sind aber auch die Musikinstrumente des Romanorchesters, das heißt, über das dramatische Netz ihrer Erlebnisse und Beziehungen laufen die großen Melodien und Harmonien, die eine greifbare sinfonische Gestalt ergeben, und auch das ist etwas, das ich von einem Roman verlange oder in einen Roman hineinlegen will, damit er zu einem Lesevergnügen oder Leseabenteuer werden kann.

Die Musik des einundzwanzigsten Jahrhunderts muss natürlich neu sein, und doch basiert sie auf der zahlreicher früherer Jahrhunderte. Ich denke, Schlegels Programm hat eine Resonanz in der Vergangenheit und in der Zukunft. Poetologische Äußerungen in Literaturzeitschriften waren wohl eine Erfindung des späten achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhunderts. Was das Athenäumsfragment 116 forderte, haben jedoch bereits die umfassenden, universellen Erzählprogramme von Homer, Vergil, Ovid, Shakespeare oder Dante verfolgt. Das Universelle, der große subjektive Weltspiegel eines einzelnen Autors, kann in Form von Monumentalwerken oder einer größeren Folge von Einzelwerken zu Geltung kommen. Bei den meisten modernen Autoren – jenseits von Proust oder Musil – setzt sich der Spiegel aus Einzelstücken zusammen. Aber auch in der Moderne bleibt die Fabrikation von komplexen Monumenten reizvoll, insbesondere wenn man neue Formen der Großerzählung entwickeln kann.

Mit meiner Romantrilogie, deren erster Band Schlafende Sonne von diesem Haus so freundlich gefördert wurde, strebe ich ein gewisses Extrem an, das konnte ich noch nicht einmal vor mir verheimlichen. Anscheinend treibt mich ein universelles Verlangen zur großen Leinwand. Aber was auch immer man mir nachsagt: Ich bin keineswegs frei von Furcht. Was mich in den häufigen Momenten des Zweifels dann aber doch wieder voranbringt, sind innerhalb des Werks eben die Figuren, die ohne mich sterben müssen und mittlerweile einen enormen Überlebenswillen entwickelt haben. Außerhalb des Werkes sind es aber die Leser und Kritiker, die mir sagen, dass ich etwas schaffen konnte, das sie erreicht und die gerne einmal eine Leiter hochsteigen, um durch ein universelles Teleskop schauen zu können.

Bewusst habe ich an diesem Ort, an dem man in einer Feierstunde wohl einmal unbekümmert über die Formcharakteristik der Literatur nachdenken darf, nicht näher über den moralischen Aspekt des Universalismus gesprochen. Aber es ist klar, dass der erweiterte Blick, das Emphatische, das Eingehen auf unterschiedlichste Lebenssituationen an unterschiedlichsten Orten und Zeiten, zwar noch keine spezielle Moral und glücklicherweise auch noch keine dezidierte Politik erschaffen kann – aber doch die ethischen Voraussetzungen für dergleichen. Meine universelle Literatur steht für den Universalismus der Menschenrechte, und das Romanprojekt der Sonnentrilogie, das sich demnächst mit der Einrichtung des Völkerbundes im Jahre 1920 beschäftigt, soll auch eindringlich an das Engagement für deren Durchsetzung im Rahmen einer globalen Demokratie oder wenigstens eines zivilisierten Miteinanders erinnern, das uns in der derzeitigen schier weltweiten Verstimmung leider schon recht utopisch erscheint.

Eine kurze Anmerkung zum Schluss kann ich mir nicht verkneifen: Ich würde nicht die progressive Universalpoesie Schlegels schreiben, wenn Friedrich Schlegel nicht darin vorkäme. In Band zwei taucht auch er auf, mit gediegnem Witz behandelt, versprochen…

Thomas Lehr, Oktober 2018

 

Kranichsteiner Literaturförderpreis

Für den Kranichsteiner Literaturförderpreis nominierte die Jury Gianna Molinari, Leander Steinkopf und Karosh Taha. Alle drei Kandidaten haben sich am 16. November um 11:30 Uhr in einer öffentlichen Lesung in der Eleonorenschule in Darmstadt um den mit 5.000 Euro dotierten Preis der Fachjury bewerben. Mit ihren jeweils noch unveröffentlichten Textauszügen stellten sie sich gleichzeitig dem Urteil ei­ner Schülerjury. Diese vergab, unabhängig von der Entscheidung der Fachjury, einen Preis in Höhe von 1.000 Euro.

Mit dem Preis der Fachjury wurde Gianna Molinari ausgezeichnet. Den Preis der Schülerjury erhilet Leander Steinkopf.

 

Aufenthaltsstipendien

Die Jury hat weiterhin zwei Aufenthaltsstipendien des Deutschen Literaturfonds vergeben:

Das 10-wöchige Aufenthaltsstipendium im Deutschen Haus der New York University erhält in diesem Jahr die in Berlin lebende Autorin Nina Bußmann.

Das ebenfalls 10-wöchige London-Stipendium an der Queen Mary University sprach die Jury Jens Wonneberger zu, der in Dresden lebt.

Alle Preise wurden am 16. November um 19 Uhr im Literaturhaus Darm­stadt überreicht.

Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien

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