Paul-Celan-Preis 2017
an Christiane Körner

Der vom Deutschen Literaturfonds alljährlich vergebene Paul-Celan-Preis für her­aus­ragen­de Literaturübersetzungen ins Deutsche ging in diesem Jahr an Christiane Körner.

Sie wurde mit dem Preis für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet, das Übersetzungen aus dem Russischen umfasst, darunter Werke von Lew Tolstoi, Dmitri Prigow, Vladimir Sorokin, Tatjana Tolstaja, Olga Slawnikowa, Alissa Ganijewa, Nadeschda Mandelstam, Lidia Ginsburg u.a.m. Besonders würdigt die Jury die Übersetzung des 2016 erschienenen monumentalen Romanfragments „Die Welpen“ von Pawel Salzman, in der es Christiane Körner auf bewundernswürdige Weise gelingt, eine „völlig neue, filmisch übergenaue, dabei perspektivisch zersplitterte Sprache von fast schmerzhafter Tiefenschärfe“ (Kerstin Holm) virtuos und hochpoetisch wiederzugeben.

Der Jury gehören an: Hinrich Schmidt-Henkel, Gabriele Leupold, Burkhart Kroeber, Miriam Mandelkow und Gunther Nickel.

Der mit 15.000 Euro dotierte Preis wurdeam 12. Oktober d.J. um 18 Uhr im Lesezelt der Frankfurter Buchmesse vergeben. Die Laudatio hielt die Heidelberger Slavistin Bettina Kaibach.

Bewerbungen für den Paul-Celan-Preis 2018 können Verlage bis zum 28. Februar 2018 beim Deutschen Literaturfonds e.V., Alexandraweg 23, 64287 Darmstadt, einreichen. Erforderlich sind fünf Exemplare des übersetzten Werks, ein etwa zwanzig Seiten umfassender Auszug aus dem Original sowie eine Biobibliographie der Übersetzerin oder des Übersetzers.

 

Laudatio von Bettina Kaibach

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Christiane,

Karl Dedecius verglich in seinen Betrachtungen zum Übersetzen die Literatur eines Volkes mit einem Fenster, das uns Einblick in eine fremde Welt gewährt. Und weiter schrieb er: „Es geht nicht an, diese Fenster […] nur nach einer Seite zu öffnen. Unsere Erde rotiert. Was heute unten ist und dunkel, wird morgen oben und hell sein.“ Christiane Körner hat als Übersetzerin schon viele Fenster nach Russland aufgestoßen. Mit Pavel Salzmans Die Welpen hat sie nun einen Roman ans Licht geholt, der auch in seiner Heimat viel zu lang im Finstern bleiben musste.

Dass Pavel Salzman, der als Künstler in Kasachstan, an der sowjetischen Peripherie, ein erträgliches Dasein fristete, auch schrieb, wussten nur die allerengsten Freunde. An seinem Hauptwerk Die Welpen arbeitete er fünf Jahrzehnte, kehrte immer wieder zu ihm zurück, ohne Hoffnung auf Veröffentlichung. Für den Roman war das womöglich ein Segen. Wie gründlich jede Berührung mit dem sowjetischen Literaturbetrieb das lebendige Schaffen erstickte, erkannte schon der Dichter Ossip Mandelstam. Er teilte, als man ihm im stalinistischen Russland die Kehle zuschnürte, die Werke der Weltliteratur ein in „genehmigte und solche, die ohne Genehmigung geschrieben wurden.“ Die ersten nannte er „schmutziges Zeug“, die letzteren „abgestohlene Luft“. Tatsächlich haftete nach Stalins Kahlschlag der Kultur auch noch dem Besten und Mutigsten, was in der Sowjetunion unzensiert erscheinen konnte, der spezielle Muff sozialistischer Spießigkeit an. In welchem Maß dort aber in verborgenen Luftkammern zugleich eine frische und höchst eigenständige Literatur heranreifte, erfahren das russische ebenso wie das deutsche Publikum erst allmählich. Leonid Tsypkins Ein Sommer in Baden-Baden ist so ein Buch und nun eben die 2012 entdeckten Welpen von Pavel Salzman, deren von allen sozrealistischen Klischees unberührte Originalität in Christiane Körners wunderbarer Übertragung so kraftvoll aufersteht.

Welch sonderbarer Roman, welch eine Herausforderung an die Übersetzerin! Wie kann man diese Prosa beschreiben, deren Erscheinen, wie Oleg Jurjew in seinem Nachwort zur deutschen Ausgabe betont, die Hierarchie der russischen Literaturgeschichte für das 20. Jahrhundert über den Haufen wirft? Ein Bürgerkriegsepos mit Schauplatz Sibirien – das klänge zu sehr nach Doktor Schiwago. Denn keinen dichtenden Doktor lässt Salzman durch das zerrüttete Land irren, sondern zwei zitternde Welpen. Und statt einer hollywoodtauglichen Liebesgeschichte schreibt er die Geschichte einer universalen Liebessehnsucht, die Mensch und Tier gleichermaßen umtreibt und von der Allgegenwart sexueller Gewalt brutal zerrieben wird.

Anders als Boris Pasternak, Lew Tolstoi oder Wassili Grossman bannt Salzman das Chaos des Krieges nicht in die Ordnung einer kohärenten Fabel. Eher hält er es mit Mandelstam, der in einer Zeit, da die „Europäer aus ihren Biographien herausgeschleudert [wurden] wie Billardkugeln“, das „Ende des Romans“ heraufziehen sah. Salzman gehört zur Gesellschaft jener Autoren, die aus den Partikeln des durch Revolution und Krieg zerpulverten Lebens kein intaktes Romangebäude errichten, sondern eine Trümmerlandschaft voller kunstvoll gefügter Risse und Brüche, – Autoren wie Isaak Babel, Artjom Wesjoly oder Andrei Platonow. Doch auch in deren Kreis nimmt Salzman einen ganz eigenen Platz ein. Denn während Babel, Wesjoly und Platonow, jeder auf seine Weise, erforschen, wie die Sprache der Utopie den Menschen zum Monster mutieren lässt, bringt Salzman das Kunststück fertig, einen Bürgerkriegsroman ganz ohne politische Ideologie zu schreiben. Neid, Gier und Hunger sind hier die Triebkräfte eines Teufelskreises, der immer neue Gewalt aus sich gebiert. Die großen Ideen, in deren Namen diese Kräfte entfesselt werden, bleiben unerwähnt. Was Salzman zeigt, ist eine aus ihrer Verankerung gerissene Welt, in der es für die mordende, leidende, liebende Kreatur keinen Halt und kein Halten mehr gibt. Im endlosen Regen, der auf die Entwurzelten niedergeht, zerrinnen sämtliche Grenzen: die des Besitzes, des Körpers, des Individuums, der Zivilisation, die Grenze zwischen Mensch und Tier, Traum und Wirklichkeit, Leben und Tod. Und auch der Roman gerät in den Sog dieses Auflösungsprozesses, welcher Genres und Stile durcheinanderwirbelt und bisweilen sogar Wörter zerfallen und ineinander zerfließen lässt.

Christiane Körner hat Salzmans Grenzverletzungen mit äußerstem Feingefühl nachgebildet und gekonnt die Befremdlichkeit dieses Textes in die Fremdsprache gebracht. Und – welch ein Glück für das Buch eines Autors, der sein Brot beim Film verdiente – sie hat sich als Meisterin der Montage erwiesen. Kongenial schafft sie in ihrem übersetzerischen Schneideraum den rhythmischen Fluss des Romans nach, die Weise, wie der Szenenbildner Salzman von der Nahstaufnahme zur Totalen, von der chaotischen Massenszene zum sorgsam arrangierten Standbild wechselt.

Ein großer Teil von Salzmans Die Welpen spielt in Sibirien. Und in Sibirien – im Städtchen Divnogorsk – habe ich im vorvergangenen Sommer Christiane Körner kennengelernt. Sie leitete dort eine russisch-deutsche Übersetzerwerkstatt. Draußen herrschte eine ganz unsibirische Hitze. Und während quer auf den Gehsteigen Kühe wie rostbraune Riegel in der Mittagssonne lagerten und an den Straßenrändern wetterzerfurchte Alte Einmachgläser mit Walderdbeeren und Honig feilboten, feilten wir in unserem Wohnheim an Absätzen, Wörtern, Versen und Klängen. Eine Freude war diese Spracharbeit mit Christiane, und ich habe es sehr genossen, an ihrer Klugheit und ihrem Kunstverstand teilzuhaben.

Als Vermittlerin russischer Literatur kenne ich Christiane Körner, seit vor vierzehn Jahren ihre deutsche Version von Tatjana Tolstajas Roman Kys erschien – ein Buch, das der Übersetzerin allein durch seinen Zitatenreichtum ein Höchstmaß an literarischer Bildung abverlangt. Wie Salzman zeigt auch Tolstaja die Zerrüttung von Sprache und Kultur durch einen menschengemachten Kataklysmus und lässt als Symbol dieser Zerrüttung ein grausiges Fabelwesen durch ihren Roman geistern. Bei Salzman ist es eine Eule, bei Tolstaja die unfassbare Kys. In Kys macht allerdings nicht Krieg, sondern ein nuklearer GAU der Menschheit den Garaus. Und während die Bilder im Roman des Malers Salzman an Goyas Schrecken des Krieges erinnern, ähnelt Tolstajas von bizarren Mutanten bevölkerte Welt eher den Höllenvisionen eines Hieronymus Bosch.

Für so etwas braucht man auch als Übersetzerin Witz und Erfindungsgabe. Christiane Körner hat Tolstajas Romanhölle mit „Transgeburten“, „Gurrehuren“, „Feuerlingen“ und anderen wundervollen Wortchimären besiedelt. Und wie sie die Mutanten in Kys das Sprachtreibgut der versunkenen Kultur als unverdaute Brocken hervorrülpsen lässt – man schwärmt von „Trodition“, „Entellegenzia“ und „Ohniwersitätsbildunk“ –, erinnert an den geschraubten Nonsense aus Alfred Jarrys König Ubu.  

Christiane Körner wird heute für ihr Gesamtwerk geehrt. Sie hat so unterschiedliche Texte übersetzt wie die von Dmitri Prigov und Lidia Ginsburg, Nadeschda Mandelstam und Alissa Ganijewa. Wie Christiane Körner jedem von ihnen eine authentische deutsche Stimme verleiht, bestätigt aufs Schönste, was Karl Dedecius – vielleicht ein wenig euphorisch – als Vorteil des Übersetzers gegenüber dem Schriftsteller schildert. Während der Autor sich viel zu häufig auf ein bestimmtes Rollenfach festlegen lassen muss, darf der Übersetzer, so Dedecius, „ungehindert, sogar legitim, die Haut wechseln […]. Er darf Abend für Abend in einem anderen Stück auftreten und eine multiplizierte Vielfalt des Daseins und der Charaktere genießen.“

Man muss es allerdings auch können! Nicht umsonst wird Christiane Körner für ihre Übertragung von Salzmans Welpen besonders gewürdigt. Denn hier spielt sie wie in einem Monodrama viele Rollen zugleich. Neben dem tragischen beweist sie auch ausgesprochen komisches Talent: etwa in der Szene, da die Eule in Gestalt eines NEP-Manns eine Dame zum flügelschlagenden Koitus unter die Zimmerdecke trägt. So etwas könnte leicht ins Peinliche entgleiten. In Christiane Körners Übertragung jedoch entfaltet die Szene einen unwiderstehlichen Aberwitz.

Und Die Welpen zeigen, ebenso wie das blitzgescheite Nachwort der Übersetzerin, wie gut sie sich auskennt im Fundus der Ausdrucksmöglichkeiten. Gleich mehrmals schlüpft sie in die Kleider eines experimentellen Dichters á la Chlebnikow, den kein Geringerer als Paul Celan einst ins Deutsche übertrug. Hören wir Christiane Körner:  

In Gräben Gaben Bräg aus Gräb. Aus Gruben. In den Gruben Kegel, Mulden; Därm Gelärm.
Leer auf den Grund; der Kohl wächst rund.
Stapf, stapf, Schritt, in der Stille Schritt für Schritt, die Hand vor nicht, Gemüsegärten dunkel sehr.
Ausgeschruss gerasch wirüten. Stumpft nie rumpft nierap niemalp. Struck über Schrumen. Pugel in Umpugel.
Kohl Melone in Zähne
Auf Tropfen Blut vortridirb
Auf Schale gequetscht zerzenbeiß
Durch Knarschen durch Büschen zerbenstobt
Auf Himmel hoch wirropen Brot
Heuchel keuchel schlupf ins Kukrikuch
Uch uch Kehl Hahn umdrehl.

Für Isaak Babel lag das Geheimnis des Übersetzens „in einer kaum spürbaren Wendung. Der Hebel muss in der Hand liegen und warm werden. Umlegen darf man ihn genau einmal, ein zweites Mal gibt es nicht.“ Christiane Körner weiß, wie man den Hebel umlegt. Dass sie deshalb heute den Paul Celan-Preis erhält, freut mich riesig. Herzlichen Glückwunsch, liebe Christiane!

 

Dankrede von Christiane Körner

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

dass mir heute der Paul-Celan-Preis verliehen wird, überwältigt mich. Dass er mir vor allem für den Roman von Pawel Salzman zugesprochen wurde, ist mir eine besondere, eine überaus große Freude.

Bevor Dank und Heiterkeit das Wort haben, muss ich Sie allerdings auf einen kleinen Umweg über verwüstetes Gelände mitnehmen. Es geht nicht anders: Zu unübersehbar sind die Parallelen in den Lebensläufen dieser beiden Autoren.

Paul Celan, Pawel Salzman, zwei Mal Paul oder zwei Mal Pawel, geboren in Tschernowitz und Kischinjow, also nur etwa 300 Kilometer voneinander entfernt, beide Lyriker und Übersetzer (auch Salzman hat Gedichte verfasst, auch er hat Literatur übersetzt – etwa Kleists „Käthchen von Heilbronn“ ins Russische) – Celan und Salzman haben ein biographisches Trauma gemeinsam, das, bei aller Tragik, leider nicht verwundern kann: Beider Eltern wurden von Deutschen ermordet. Paul Celans Eltern kamen in einem Arbeitslager ums Leben. Der Vater und die Mutter von Pawel Salzman sind im ersten Leningrader Blockadewinter 1941/42 in ihrer Wohnung verhungert. Sie waren zwei Zivilisten von mehr als einer Million, die während der 900 Tage deutscher Belagerung zu Tode kamen.

Dieser systematische Massenmord durch Hunger, das muss ich zu meinem Erschrecken immer wieder feststellen, ist hierzulande noch nicht im kollektiven Bewusstsein angekommen – wie viele andere deutsche Menschheitsverbrechen, die in Osteuropa, Weißrussland, der Ukraine und Russland begangen wurden. Katja Petrowskaja schrieb 2011 von einer „Mauer im Kopf“, die quasi an der damaligen Ostfront verlaufe. Seitdem hat sich nichts Wesentliches geändert. Das ist beschämend und beklagenswert, und es sollte sich etwas ändern. Die Beschäftigung mit russischer oder ukrainischer weißrussischer, polnischer Literatur findet jedenfalls, ob man sich das bewusst macht oder nicht, immer in diesem Echoraum der Schuld statt.

Anlässlich der Verleihung des Bremer Literaturpreises sagte Paul Celan 1958:

Erreichbar, nah und unverloren blieb inmitten der Verluste dies eine: die Sprache.

Und er fährt fort, sich auf die jüngere Dichtergeneration beziehend:

Es sind die Bemühungen dessen, der, überflogen von Sternen, die Menschenwerk sind, der, zeltlos auch in diesem bisher ungeahnten Sinne und damit auf das Unheimlichste im Freien, mit seinem Dasein zur Sprache geht, wirklichkeitswund und Wirklichkeit suchend.

Wirklichkeitswund, so glaube ich, geht Pawel Salzman zur Sprache, um im Roman „Die Welpen“ Ausgesetztheit und kreatürliches Leiden zur literarischen Wirklichkeit werden zu lassen. Er tut dies mit erbarmungsloser Präzision und schafft gleichwohl einen atemlosen, von  greller Angst und Verzweiflung durchzogenen Text. Der originäre Gestus dieser losgerissenen, manchmal wie tollgewordenen Sprache ist der Sturz, das Stürzen in allen Bedeutungsfacetten: fallen, angreifen, losrennen, umwerfen. In blitzartig niederfahrender Syntax, in einem heterogenen Gewirr von Stimmen, in der Mimikry transrationaler Seinszustände wird Sprache stimmhaft im Celanschen Sinne. Ich denke, auf Salzman trifft zu, was Paul Celan über Dichtung sagt: dass hier jemand spricht, der sich des Neigungswinkels seiner Kreatürlichkeit bewusst ist.

Wie nähert man sich übersetzend einem solchen Textgebilde? Es braucht ein gewichtiges Lese-Gepäck – expressionistische Prosa etwa oder Übertragungen von Chlebnikow und Charms ins Deutsche –, es braucht, das versteht sich von selbst, großen Respekt, Trauer und Empathie; Genauigkeit ist unabdingbar, aber auch Neugier und jede Menge Lust – an Klang, Kombination, Erfindung und, wie unser Kollege Olaf Kühl sagt, neben aller Selbstbescheidung auch die Angriffslust, „jede Anmaßung der Eindeutigkeit immer von Neuem zu bestreiten“ – denn die eine Deutung, die das letzte Wort haben will, löscht den Funken des Widerständigen  aus, der Literatur innewohnt. So ausgerüstet, kann es gelingen, im Spiel mit der Zielsprache neue Ufer zu erreichen, Grenzen zu überschreiten, Grenzen zu erweitern.

Dafür ein kleines Beispiel aus der Werkstatt. Ich möchte es die emotional-ästhetische Potenz des deutschen Nullartikels nennen. Das Russische kennt ja keine Artikel, der Übersetzer muss also bei jedem Nomen entscheiden, ob er den bestimmten, den unbestimmten oder keinen Artikel setzt. Auf Deutsch beginnt der Roman „Die Welpen“mit einem sirrenden Schöpfungshauch: „In den Kiefern fliegt Wind“. Dann bewegt sich die Kamera, Zoom und Weitwinkel treten in Aktion – Tropfen, Spinnennetz, Erdhaufen, Wagenspuren, ferne Hügelkuppen, Horizont –, und schließlich fallen Schüsse. Sie fallen aber schon vorher, nämlich als sinntragende Nomen am Satzende, und dieses Schroffe, Schlagartige der syntaktischen Schlusspunkte entfaltet sich im Deutschen am besten ohne Artikel:

Wasser trägt Schaum. In kurzen Wolkenaufrissen leuchtet Sonne. Ihr entgegen zuckt, in Tropfen gespiegelt, Gewehrfeuer.

Um die Syntaxkaskade des Russischen wiederzugeben, stemmt sich die artikellose Sonne gegen den deutschen Sprachgebrauch. Mit Hilfe von Lauten und Intonationsbögen wird zusätzlicher Neben- und Hintersinn in den Text geschmuggelt, und der Raum der deutschen Sprache weitet sich um ein winziges Stück.

Pawel Salzmans Sprache vermag es, das Grauen zu bergen, die Heillosigkeit – in Satzstürzen, Sprachritzen, in Miniaturexplosionen von Laut und Sinn – und sie vermag es, dadurch Berührung zu stiften. Berührt wird auch die Übersetzerin. Dürfen wir wohl Paul Celans befreiendes und tröstliches Wort vom Meridian aus seiner Büchnerpreis-Rede von 1960 auf unsere Tätigkeit beziehen? Können wir durch unsere penible, skrupulöse und gleichzeitig lustvolle Transformationsarbeit, nach langen Wegen und Umwegen, hin und wieder auch etwas finden,

etwas – wie die Sprache – Immaterielles, aber Irdisches, Terrestrisches, etwas Kreisförmiges, über die beiden Pole in sich selbst Zurückkehrendes und dabei – heitererweise – sogar die Tropen Durchkreuzendes – ... einen Meridian

Doch, ich glaube, das ist möglich. Und beim heiteren Durchkreuzen der Tropen mag etwas freiwerden, was man das Glück des Übersetzens nennen könnte.

Dass ich dieses Glück bisweilen erlebe, habe ich vielen Menschen zu verdanken. Und damit komme ich zu der großen Ehre und Freude, meinen Dank auszusprechen. Ich bitte um Nachsicht, dass das einen Moment dauern wird – es ist zu schön, die Gefühle des Dankes einmal öffentlich zu äußern.

Zunächst danke ich meinen Kolleginnen und Kollegen. Zu Beginn meiner Tätigkeit half mir Rosemarie Tietze zu verstehen, dass Übersetzen auch und nicht zuletzt ein erlernbares Handwerk ist. Annelore Nitschke hat mich in dieser Zeit uneigennützig mit Rat und Tat unterstützt, Anna Shibarova und Andreas Tretner haben zwei fulminante zweisprachige Werkstätten geleitet, die mir im Sturmschritt wichtigste Prinzipien des Übersetzens nahegebracht haben. Ihnen allen sei der herzlichste Dank ausgesprochen.

Auch meinen Lektoren möchte ich sehr herzlich danken, stellvertretend den ersten und deshalb besonders wichtigen, Helga und Kristof Wachinger von Langewiesche-Brandt, und meiner langjährigen Lektorin Katharina Raabe, die mir unentwegt zur Seite steht bei der Suche nach Wort und Ausdruck.

Ein besonderer Dank gebührt allen, die es mir ermöglicht haben, „Die Welpen“ von Pawel Salzman einem deutschsprachigen Publikum vorzustellen. Von Herzen danke ich meiner genialen Kollegin der anderen Richtung, Tatjana Baskakowa, für ihren Hinweis auf den Roman und für ihre großartige Hilfe während des gesamten Übersetzungsprozesses, ich danke Lotta Salzman, der Tochter des Autors, und seiner Enkelin Maria Susmanowitsch, die meine zahlreichen Fragen auf das Liebenswürdigste beantwortet haben. Ein warmer Dank geht an die Teilnehmer der zweisprachigen Werkstatt in Straelen 2013 und an die Russisch-gruppe in Berlin, von denen ich wertvolle Hinweise zu meinen Übersetzungsproben erhielt. Dem Institut Perevoda in Moskau sei ein Extra-Dank für die finanzielle Förderung des Projekts ausgesprochen.

Nicht zuletzt bedanke ich mich sehr herzlich bei meinem Verleger Andreas Rötzer von Matthes & Seitz Berlin, der das Wagnis auf sich nahm, einen so kryptischen und harten Text zu publizieren, und bei Meike Rötzer, die meine Übersetzung voller Aufmerksamkeit und Feingefühl durchsah.

Und ich möchte die Gelegenheit nutzen, aufs Innigste meinem Mann Sergej Winter zu danken, der durch seine unermüdliche Unterstützung und seine uferlose Loyalität das Abenteuer meiner Übersetzerlaufbahn überhaupt ermöglicht hat.

Dass mir der Paul-Celan-Preis zugesprochen wird, und insbesondere für dieses Werk, für den wüsten, anarchischen Roman von Pawel Salzman – dafür bin ich den Mitgliedern der Jury und dem Deutschen Literaturfonds zutiefst dankbar. Dir, liebe Bettina, danke ich von Herzen für Deine so überaus freundlichen und schönen Worte.

Ihnen und euch allen den wärmsten Dank fürs Kommen und Zuhören. Vielen Dank.

 

Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien