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Paul-Celan-Preis 2022 an Ulrich Blumenbach

Der vom Deutschen Literaturfonds alljährlich vergebene Paul-Celan-Preis für herausragende Übersetzungen ins Deutsche geht in diesem Jahr an Ulrich Blumenbach.
Der Preis ist mit 20.000 Euro dotiert.

Der Preis wurde am 28. November 2022 im Literarischen Colloquium Berlin überreicht.

Preisverleihung des Deutschen Literaturfonds 2022

Begründung der Jury

Ulrich Blumenbach erhält den Paul-Celan-Preis für seine kongeniale Übersetzung des im Jahr 2022 erschienenen Romans Witz des Amerikaners Joshua Cohen. Ulrich Blumenbach ist seit Langem für seine Anverwandlung von an die Grenzen der Übersetzbarkeit reichenden Werken englischsprachiger Autoren wie James Joyce, Jack Kerouac, Truman Capote, David Foster Wallace u.v.m. bekannt.

Mit Witz legt er ein außergewöhnliches Sprachkunstwerk vor, das in seinem Assoziationsreichtum und seiner Vielstimmigkeit dem Original um nichts nachsteht. Begeistert zeigte sich die Jury von der Virtuosität, mit der Ulrich Blumenbach sich auf den verschiedensten Stil- und Sprachebenen des Werkes bewegt, das auf über 900 Seiten lyrische, komische, surreale, in wuchtiger biblischer Sprache oder auf Jiddisch verfasste Passagen, Wortspiele, innere Monologe und vieles mehr in sich vereint. Es ist ihm gelungen, dieses in der Geschichte des Holocaust und der jüdischen Kultur wurzelnde Meisterwerk in all seinen Facetten auf Deutsch lebendig werden zu lassen.

Begründung der Jury, der Karin Betz, Ursula Gräfe, Patricia Klobusiczky, Christiane Körner und Ulrich Sonnenberg angehören

Laudatio auf Ulrich Blumenbach von Joshua Cohen

Als er dabei sein Haus bestellte, wie es die Bibel nennt, machte er eine Erfahrung, auf die er eigentlich nur gewartet hatte. Er hatte sich in die angenehme Lage versetzt, sein verwahrlostes kleines Besitztum nach Belieben vom Ei an neu herrichten zu müssen. Von der stilreinen Rekonstruktion bis zur vollkommenen Rücksichtslosigkeit standen ihm dafür alle Grundsätze zur Verfügung, und ebenso boten sich seinem Geist alle Stile, von den Assyrern bis zum Kubismus an. Was sollte er wählen? Der moderne Mensch wird in der Klinik geboren und stirbt in der Klinik; also soll er auch wie in einer Klinik wohnen! ‒ Diese Forderung hatte soeben ein führender Baukünstler aufgestellt, und ein anderer Reformer der Inneneinrichtung verlangte verschiebbare Wände der Wohnungen, mit der Begründung, daß der Mensch dem Menschen zusammenlebend vertrauen lernen müsse und nicht sich separatistisch abschließen dürfe. Es hatte damals gerade eine neue Zeit begonnen (denn das tut sie in jedem Augenblick), und eine neue Zeit braucht einen neuen Stil. Zu Ulrichs Glück besaß das Schloßhäuschen, so wie er es vorfand, bereits drei Stile übereinander, so daß man wirklich nicht alles damit vornehmen konnte, was verlangt wurde; dennoch fühlte er sich von der Verantwortung, sich ein Haus einrichten zu dürfen, gewaltig aufgerüttelt, und die Drohung „Sage mir, wie du wohnst, und ich sage dir, wer du bist“, die er wiederholt in Kunstzeitschriften gelesen hatte, schwebte über seinem Haupt. Nach eingehender Beschäf­tigung mit diesen Zeitschriften kam er zu der Entscheidung, daß er den Ausbau seiner Per­sön­lichkeit doch lieber selbst in die Hand nehmen wolle, und begann seine zukünftigen Möbel eigenhändig zu entwerfen. Aber wenn er sich soeben eine wuchtige Eindrucksform ausgedacht hatte, fiel ihm ein, daß man an ihre Stelle doch ebensogut eine technisch-schmalkräftige Zweckform setzen könnte, und wenn er eine von Kraft ausgezehrte Eisen­beton­form entwarf, erinnerte er sich an die märzhaft mageren Formen eines drei­zehn­jährigen Mädchens und begann zu träumen, statt sich zu entschließen.

Es war das ‒ in einer Angelegenheit, die ihm im Ernst nicht besonders nahe ging ‒ die bekannte Zusammenhanglosigkeit der Einfälle und ihre Ausbreitung ohne Mittelpunkt, die für die Gegenwart kennzeichnend ist und deren merkwürdige Arithmetik ausmacht, die vom Hundertsten ins Tausendste kommt, ohne eine Einheit zu haben. Schließlich dachte er sich überhaupt nur noch unausführbare Zimmer aus, Drehzimmer, kaleidoskopische Ein­rich­tungen, Umstellvorrichtungen für die Seele, und seine Einfälle wurden immer inhalts­loser. Da war er endlich auf dem Punkt, zu dem es ihn hinzog. Sein Vater würde es ungefähr so ausgedrückt haben: Wen man tun ließe, was er wolle, der könnte sich bald vor Verwirrung den Kopf einrennen. Oder auch so: Wer sich erfüllen kann, was er mag, weiß bald nicht mehr, was er wünschen soll. Ulrich wiederholte sich das mit großem Genuß. Diese Alt­vor­dern­weisheit kam ihm als ein außerordentlich neuer Gedanke vor. Es muß der Mensch in seinen Möglichkeiten, Plänen und Gefühlen zuerst durch Vorurteile, Überlieferungen, Schwierigkeiten und Beschränkungen jeder Art eingeengt werden wie ein Narr in seiner Zwangsjacke, und erst dann hat, was er hervorzubringen vermag, vielleicht Wert, Gewach­sen­heit und Bestand; ‒ es ist in der Tat kaum abzusehen, was dieser Gedanke bedeutet! Nun, der Mann ohne Eigenschaften, der in seine Heimat zurückgekehrt war, tat auch den zweiten Schritt, um sich von außen, durch die Lebensumstände bilden zu lassen, er überließ an diesem Punkt seiner Überlegungen die Einrichtung seines Hauses einfach dem Genie seiner Lieferanten, in der sicheren Überzeugung, daß sie für Überlieferung, Vorurteile und Beschränkt­heit schon sorgen würden. Er selbst frischte nur die alten Linien auf, die von früher da waren, die dunklen Hirschgeweihe unter den weißen Wölbungen der kleinen Halle oder die steife Decke des Salons, und tat im übrigen alles hinzu, was ihm zweckhaft und bequem vorkam.

Als alles fertig war, durfte er den Kopf schütteln und sich fragen: dies ist also das Leben, das meines werden soll? ‒ Es war ein entzückendes kleines Palais, was er da besaß; fast mußte man es so nennen, denn es war ganz so, wie man sich seinesgleichen denkt, eine geschmackvolle Residenz für einen Residenten, wie ihn sich Möbel-, Teppich- und Instal­la­tions­firmen vorgestellt hatten, die auf ihrem Gebiete führen. Es fehlte nur, daß dieses reizende Uhrwerk nicht aufgezogen war; denn dann wären Equipagen mit hohen Würden­trägern und vornehmen Damen die Auffahrt emporgerollt, Lakaien würden von den Tritt­brettern gesprungen sein und Ulrich mißtrauisch gefragt haben: „Guter Mann, wo ist Euer Herr?“

Er war vom Mond zurückgekehrt und hatte sich sofort wieder wie am Mond ein­ge­rich­tet.[1]

Vielleicht ist der Held jedes Buchs ‒ oder jedes Buchs, das einen Helden hat ‒ im Grunde ein Übersetzer, denn was würde ein Autor ohne seine Übersetzung sehen oder hören? Oder tun oder sein? Der erste Ulrich meines Lebens ist der Held der eben zitierten Passage. Dieser Mann, dessen „Familienname“ ‒ ich zitiere wieder ‒ „aus Rücksicht auf seinen Vater verschwiegen werden“[2] soll, dieser Mann ist und das Buch heißt Der Mann ohne Eigen­schaf­ten. Von Beruf ist dieser Ulrich natürlich kein Übersetzer, sondern ein erwerbsloser Rationalist, ein Erforscher des Humanismus und ein Logiker der Ästhetik, der sich zu Beginn von Musils unvollendetem und unvollendbarem Epos daran macht, ein geerbtes Haus zu restaurieren. Die Frage bleibt offen, ob das Haus renoviert werden muss oder ob er es renovieren muss, um es sich anzueignen: Die Antwort ist vielleicht eine Verbindung von beidem. Er muss sich für einen Restaurierungsstil entscheiden, insofern er zwischen verschiedenen zur Verfügung stehenden Stilen wählen, einen eigenen Stil erfinden oder aber sich einen Stil zu eigen machen kann. Wenn er sich für die dritte Alternative entscheidet ‒ welcher Stil soll es dann sein? Zur Erfindung welchen Stils oder welcher Schule ist er imstande, was wünscht er sich? Die Optionen vermehren und befruchten sich gegenseitig, bis der Mann alle Machbarkeit ad acta legt und reine Theorie erschafft: Die Restaurierung nähert sich eher einer Analogie oder einer Metapher und besteht nicht mehr in der konkreten Arbeit, Räume zu entwerfen und auszugestalten. Weit draußen in der wandlosen, decken­losen, himmellosen Leere schwe­bend, meldet sich der Mann bei der Bodenstation und begreift, dass er, ach richtig, „Lieferanten“ hat. Meine Türleute, meine Fensterleute, meine Auftragnehmer ‒ oder, wenn ich so sagen darf, die Immigranten, die mauern, die Ausländer, die die Ziegelsteine herstellen, die unvor­denk­lichen Toten, die die Fundamente gelegt haben. Indem sich der Mann ohne Eigenschaften darauf verlässt, dass sie ihm den Rahmen seiner Arbeit beschaffen, wird ihm die alleinige Verant­wor­tung für das schließliche Domizil plötzlich abgenommen. Es ist natürlich weiterhin seines, aber jetzt kann er das Gefühl haben und sogar danach handeln, als wäre dem nicht so: Er ist der Herr des Hauses, der sich einbilden kann, sein Diener zu sein.

Das ist die beste Beschreibung der Existenz des Übersetzers, die mir einfällt.

Mein Ulrich, Ulrich Blumenbach, ist vielleicht anderer Meinung, aber auch dann wird er meine Darstellung übersetzen, und zwangsläufig frage ich mich, ob er sich dabei nicht irgendwie befreit fühlt.

Ich bin einer von Ulrich Blumenbachs „Lieferanten“. Ich fühle mich geehrt, einer zu sein. Und ich fühle mich geehrt, dass ich gebeten worden bin, etwas über ihn und für ihn zu schreiben anlässlich seiner Auszeichnung mit einem nach Paul Celan benannten Preis, dem Dichter „aus Czernowitz bei Sadagora“[3], wie er schrieb, der keine Heimat erbte, sondern eine Heimatlosigkeit ‒ ein Deutsch, das Wort für Wort, ja Silbe für Silbe erneuert werden musste.

Für Celan, der auch ein Übersetzer war, vor allem von Ossip Mandelstam, war „Stil“ in Musils Sinn ein bürgerlicher Luxus, ein Identitätsprivileg: Nur ein Mensch, dessen Türen und Fenster schließen, nur ein Mensch mit Kamin und Sims kann einen Stil haben, und nur ein Mensch, der von seiner eigenen politischen und gesellschaftlichen Macht durchdrungen ist, kann es sich leisten, auf die Stile, auf die ‚Überlieferungen, Vorurteile und Beschränkt­heiten‘ anderer zu bauen.

Ich nehme keine Machtlosigkeit für mich in Anspruch, wenn ich festhalte, dass auch ich mich unbehaust gefühlt habe. Ich möchte meine Situation keineswegs mit Celans verglei­chen ‒ oder gar mit Mandelstams. Ich möchte anlässlich einer Laudatio für meinen großen Freund und Übersetzer Ulrich Blumenbach nur erwähnen, dass meine Familie väter­licher­seits in Deutschland und in der deutschen Sprache gelebt hat, etwa fünf­hun­dert Jahre lang und bis vor wenigen Jahrzehnten. Ihre Zuflucht in Amerika war eine Zer­ris­sen­heit ‒ ein Bruch, der sie rettete und es mir erlaubte, zu leben und in einer Sprache zu schreiben, die ihnen fremd war. All das war für mich mit Händen zu greifen, als ich heranwuchs: Ich war der Nutznießer ihrer Vertreibung, und dieser Nutzen belastete mich, als wäre ich für meine Begünstigung etwas schuldig. Sicher war da eine Schuld, aber bei wem war sie zu begleichen? Bei meinen Großeltern? Bei Deutschland oder zumindest dem ‘guten Deutsch­land’ der Bildung und der Haskala, der jüdischen Aufklärung? Wie hätte ich ermitteln und entscheiden können, was eine Kultur von mir verlangte, die meine Familie geprägt, aber auch versucht hat, sie zu zerprägen und zu zerstören? Um die Dinge beim Namen zu nennen: Wegen Deutschland hatten wir Romane im Haus, wegen Deutsch­land hatten wir Lyrik im Haus, wegen Deutschland hing Kunst an den Wänden und lag Musik in der Luft ‒ aber ebenfalls wegen Deutschland lag das Haus, wo wir Romane, Lyrik, Kunst und Musik genossen, auf der anderen Seite des atlantischen Ozeans, und dieser Wider­spruch zu den segensreichen Konsequenzen nötigte mich ‒ jedenfalls empfand ich es als eine Nötigung ‒ zu einer Erklärung. Ich schrieb Bücher, um dieser Verantwortung gerecht zu werden, ich schrieb Romane und Essays, ich lebte eine Zeitlang in Deutschland ‒ zumindest in Berlin ‒ und versuchte, diese Erklärungslast abzubauen, wodurch ich, wie ich nach und nach begriff, weniger Deutschland erklärte als mich selbst.

Ich verlor mein letztes Großelternteil, kurz bevor ich einen Übersetzer gewann: kurz bevor Ulrich Blumenbach in mein Leben trat und mein Werk in die Sprache meiner Groß­eltern brachte. Das war gewissermaßen die eigentliche Wiedergutmachung, eine Wieder­ein­bürgerung: Das Haus war restauriert worden, auch wenn es leerstand. Meine Bücher hatten zu dem Zeitpunkt ins Deutsche gefunden, als nach fast einem halben Jahrtausend anhalten­den Deutschseins in meiner Familie niemand mehr lebte, der die Sprache sprach ... oder mehr als meinetwegen im Restaurant bestellen oder ein Taxi rufen konnte ...

Es war ein anderer Paul, Paul Ricœur, der das Übersetzen als Gespräch zwischen Treue und Verrat oder zwischen Äquivalenz und Unzulänglichkeit definierte, und seine Definition war so subtil, dass sie das Potential für Treue durch Verrat und Verrat durch Treue, für Äquivalenz durch Unzulänglichkeit und Unzulänglichkeit durch Äquivalenz mit einschloss. Diese dia­lek­ti­schen Gegensätze können zur Synthese, können durch die von ihm so genannte „sprach­liche Gastfreundschaft“ zum Zusammenwirken gebracht werden, zu einem Bewir­ten, bei dem, und ich zitiere, „das Vergnügen, die Sprache des anderen zu bewohnen, vergol­ten wird durch das Vergnügen, bei sich, in seiner eigenen, gern aufnehmenden Bleibe, das Wort des Frem­den zu empfangen“[4].

Ulrich Blumenbach hat meine Bücher nach Hause gebracht, nach Deutschland, ins Deutsche, und ich kann nur hoffen, dass die Bewohner dieses Zuhauses, das mir manchmal wie eine Klinik vorkommt, manchmal wie ein Gerichtshof und sehr oft wie ein riesiges Museum, dass seine Bewohner also erkennen, dass es auch ein Ort für Witze, ein Ort für Sex und ‒ besonders heute Abend ‒ ein Ort für tiefe Dankbarkeit und zum Feiern ist.
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[1] Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften (1930/33), hg. von Adolf Frisé, neu durchgesehene und verbesserte Ausgabe Reinbek: Rowohlt 1978, Bd. 1, S. 19ff.[2] Ebd., S. 18.
[3] Paul Celan, „Eine Gauner- und Ganovenweise gesungen zu Paris emprès Pontoise von Paul Celan aus Czernowitz bei Sadagora“, in: Ders., Gedichte in zwei Bänden, Frankfurt / Main: Suhrkamp 1975, Bd. I, S. 229.
[4] Paul Ricoeur, Vom Übersetzen. Herausforderung und Glück des Übersetzens (1996), aus dem Französischen von Till Bardoux, Berlin: Matthes & Seitz 2016, S. 17f.


Dankrede von Ulrich Blumenbach  

Sehr geehrte Mitglieder des Deutschen Literaturfonds,
sehr geehrte Mitglieder der Jury,
lieber abwesender Joshua, liebe Joshua zum Sprechen bringende Sabine,
liebe Freundinnen und Freunde, meine Damen und Herren:

In seinen beiden frühen Romanen, Solo für Schneidermann und Witz, zitiert Joshua Cohen „Die Posaunenstelle“, ein spätes Gedicht von Paul Celan. Es lautet:

tief im glühenden
Leertext
in Fackelhöhe,
im Zeitloch:
hör dich ein
mit dem Mund.

Joshua sagt in seiner bewegenden Laudatio, ich hätte seine Bücher nach Hause gebracht, in das Deutschland seiner Vorfahren, ins Deutsche. Aber was ist das für ein Zuhause? Es ist restauriert, steht aber leer, sagt Joshua. Wir haben gemeinsam ein Zeitloch zu überbrücken versucht. Aber wie konnte ich mich dabei ‘einhören mit dem Mund’? Wie konnte mein Mund etwas sagen? Wie konnte ich Witz unter historisch belasteten Sprach­bedingungen übersetzen? Wie und wohin musste ich mein Deutsch verändern? Wie Sie sehen, habe ich mehr Fragen als Antworten. Wo habe ich beim Übersetzen die histori­sche Erfahrung des Nationalsozialis­mus gespürt? Beim Übersetzen der geläufigen Wendung „that dissembling Latin I knew all Greek to me“ als „von dem ganzen Heuchlerlatein verstand ich nur Bahn­hof“. Das ist der seltene Fall, wo ich eine Wendung völlig korrekt übersetzen und eine zweite Bedeutung zu noch größerer Bitterkeit zuspitzen konnte: Die Assoziatio­nen der Romanfigur kreisen immer wieder um die Depor­ta­tio­nen in die Vernichtungslager; wenn sie aus den euphemistischen Verlogenheiten um sich herum immer nur den Bahnhof heraushört, hat sie die Situation also nicht etwa nicht verstanden, sondern nur zu gut begriffen. Wo sonst belastet mich historisches Wissen? Beim Rekonstruieren der jiddischen Elemente des Romans. Ich habe in eine vor achtzig Jahren mehrheitlich ermordete Sprache übersetzt. Ich habe Lei­chen­fledderei betrie­ben. Aber: Es gibt Wiederbelebungsversuche: Ich bin glück­lich, dass im Hanser-Verlag eine Anthologie jiddischer Lyrik in Arbeit ist. Aber: Damit behaupte ich eine Kontinuität, die es gerade nicht gibt. Aber: Weil es sie nicht gibt, benutzt Joshua sie. Aporien über Aporien.

Können Sprache und Literatur nach dem Holocaust wieder schön werden, und wie könnte diese Schönheit beschaffen sein? Das Verrücktmachende oder das Paradox oder die kognitive Dissonanz in Witz ist ja: Joshuas Prosa ist schön ‒ schön, komisch und kaputt. Vielleicht ist das schon die Antwort: Diese Prosa ist schön, weil sie zittert. Sie erschau­ert unter den Spuren historischer Gewalterfahrungen. Sie ist sich des Zivilisationsbruchs bewusst, und sie ist selbst daran zerbrochen. Sie ist in ihrer Rationalität angeknackst, am Versuch irre gewor­den, die Rationalität der logisch perfekt geplanten Vernichtung von sechs Millionen Men­schen zu verstehen. Kann dieses Irregewordensein eine neue und andere Prosa hervorbringen? Findet sich die Gleichzeitigkeit von Schönheit und Zer­stö­rung, von sinnlichem Wohlklang und syntaktischem Zerfall nicht schon in Hugo von Hof­manns­thals Chandos-Brief, der das sprachliche Verstummen bekanntlich in meister­haften Bildern zum Ausdruck bringt? Was ist mit anderen Gegensprachen, die belasteten Spra­chen etwas entgegen­zusetzen versuchen? Ist die rhythmisierte, fließende Musikalität der Romane und Essays von James Baldwin doppelbödig, weil sie, wie seine Übersetzerin Miriam Mandelkow schreibt, gerade durch ihre Schönheit das Böse entlarvt? Ist das Dazwischen, das Claudia Hamm in ihrer kulturellen Rekonstruktion von Joseph Andras Kanaky aus­ge­stal­tet, in seiner Form, seiner Struktur antikolonialistisch? Ist Joshuas Prosa mit ihren Albern­heiten und Kalauern, die das Pathos der Gedenk­veran­stal­tungen unterlaufen, gerade deswegen auf der Höhe der Zeit? Wir können beim Übersetzen zu keinem naiven Sprach­gebrauch zurück, aber vielleicht können wir, der Korruptions­geschichte der deutschen Sprache eingedenk, über diese hinaus und vorwärts zu einem reflektierten und verantwor­tungs­bewussten Sprach­gebrauch, der dann auch wieder Schönheit ermöglicht. Hybridität befreit!

Ich danke Joshua Cohen für seine Liebe und sein Vertrauen, dass ich imstande sein könnte, seine Romane zu übersetzen. Ich danke Sabine Baumann, die mich als Lektorin immer wieder auf den rechten Weg zurückholte, wenn ich allzu sehr in die Irre zu gehen drohte. Ich danke meiner Frau Sibylle, die mir in Zeiten, wo ich unter der vielfältigen Last von Witz zusammenzubrechen drohte, mit meta­kri­tischen Kommentaren weitergeholfen und mich wieder aufgebaut hat. Und ich danke dem Deutschen Literaturfonds. In einem Brief an einen Verleger bezeichnet Paul Celan das Übersetzen als „Fergendienst“ und bittet darum, „daß bei der Honorierung meiner Arbeit nicht nur die Zeilen, sondern auch die Ruderschläge gezählt wer­den“[1]. Der Deutsche Literaturfonds hat meine Ruderschläge nicht nur gezählt, sondern auch vergoldet. Ich danke Ihnen.
__________

[1] Paul Celan, Brief an Peter Schifferli (Leiter des Zürcher Arche-Verlags) vom 1. Aril 1954, zit. in: Axel Gellhaus u.a. (Hgg.), „Fremde Nähe“. Celan als Übersetzer, Ausstellungskatalog Marbach 1997, S. 399.


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