Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendien

 

 

 

Die Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendien 2020 gehen an Kristin Höller und Dita Zipfel.

Kühne Debüts

Die Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendien 2020, vergeben vom Deutschen Literaturfonds und dem Arbeitskreis für Jugendliteratur, gehen an Kristin Höller und Dita Zipfel.                  

Die Übergabe der Auszeichnungen erfolgt auf der Leipziger Buchmesse: am 12. März 2020, um 14.00 Uhr, im Saal 1 des Congress Centers.

Für ihre Jugendbuchdebüts erhalten die Autorinnen jeweils ein sechsmonatiges Stipendium in Höhe von 12.000 Euro. Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums der Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendien gehen die Stipendiatinnen zudem auf eine deutschlandweite Lese-Tour.

Kristin Höller, geboren 1996, studiert seit 2015 Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften in Dresden.

                       

Ausgezeichnet wird sie für ihren Roman „Schöner als überall“ (Suhrkamp), in dem sie von einem Sommer voller Abschiede und vom Erwachsenwerden erzählt. Er beginnt wie ein Roadmovie: Martin und sein Sandkastenkumpel Noah brausen im Auto durch die Nacht, auf der Ladefläche den abgebrochenen Speer der bronzenen Athene vom Münchner Königsplatz. Sie landen in der Kleinstadt, in der sie groß geworden sind, treffen alte Freunde an alten Orten ihres alten Lebens, aus dem sie herausgewachsen sind wie aus alten Kleidern.
Kristin Höller, so die Jury, ist ein „erstaunliches Debüt“ gelungen. „Präzise beobachtet, mit enormem Gespür für adäquate Situationen und (Sprach-)Bilder, lässt sie Erwartung los auf Enttäuschung, Träume auf Gewöhnung, Leben auf Lebenslüge. Das ist klug und weise, witzig und voller Zärtlichkeit – schöner als überall.“

 

Dita Zipfel, geboren 1981, lebt mit ihrer Familie im Süden Frankreichs und im Norden Deutschlands. Sie schreibt Bilderbücher, Theaterstücke, Drehbücher und hat mit Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte (Hanser Verlag) ihr Jugendbuchdebüt vorgelegt.

                              

Einfalls- und temporeich schildert sie am Beispiel ihrer Protagonistin Lucy die Schwelle von der Kindheit zur Pubertät: Im Leben der 12-Jährigen geht es mehr drunter als drüber. Ihr Bruder stinkt, die Mädchen um sie herum verblöden schneller als man gucken kann, sie selbst ver-guckt sich und verrennt sich in der Liebe, kurz: Der Wahnsinn regiert. Zudem trifft sie auf einen verrückten alten Mann, Herrn Klinge, der Lucy auf seine skurrile Weise ein Kochbuch diktiert, top secret, voller Rezepte mit Zauberkraft. Die Jury lobt den Wortwitz von Dita Zipfel, ihr Sprachspielereien und die starken Dialoge: „Voll schräger Einfälle und Pointen verhandelt sie en passant wesentliche Themen: Was normal ist, was wirklich, was wunderlich oder wundervoll.“

Jurybegründungen

"Es gibt Sätze, die stehen als sattsam bekannte Weisheiten in der Welt herum. „Am Ende ist man allein“, ist ein solcher Satz. Bis Kristin Höller sich seiner annimmt und ihn auserzählt. Folgerichtig lässt sie auf dem Münchner Königsplatz die bronzene Athene sozusagen demontieren. Danach ist der Speer abgebrochen und Martin und sein Sandkastenkumpel Noah brausen im Auto durch die Nacht, mit dem Speer im Gepäck. Der muss schließlich weg, sonst gibt’s Ärger. Sie landen in der Kleinstadt, in der sie groß geworden sind, treffen alte Freunde an alten Orten ihres alten Lebens, aus dem sie herausgewachsen sind wie aus alten Kleidern. Martin zumindest. Überall ist es schöner! Doch in München knirscht die Einsamkeit in den Zimmerecken, und Mugo, Martins erste große Liebe und ansteckende Aufbrecherin in die weite Welt, jobbt jetzt an der Tankstelle am Ortsausgang. Oder ist es der Eingang?
Dieser Art sind die Koordinaten und Fragen, zwischen die Kristin Höller ihre Geschichte stellt. Präzise beobachtet, mit enormem Gespür für adäquate Situationen und (Sprach-)Bilder, lässt sie Erwartung los auf Enttäuschung, Träume auf Gewöhnung, Leben auf Lebenslüge, und macht aushaltbar, dass es nebeneinander gilt. Das ist klug und weise, witzig und voller Zärtlichkeit – schöner als überall. Nicht unbedingt ein Jugendbuch, aber unbedingt für Jugendliche, erzählt Kristin Höller von einem Sommer voller Abschiede. Der von der Kindheit ist einer davon. Am Ende allein, ist es ein großer Anfang. Ein erstaunliches Debüt."

"Manche Geschichten gewinnen mit den ersten Sätzen, weil sie so souverän wie lustvoll mit Erwartungen brechen, mit Geschlechter-Stereotypen etwa oder mit dem, was erlaubt ist in der Literatur für junge Leserinnen und Leser. Verboten ist, dass ein sehr resolutes Mädchen bei einem alten Mann, pardon, bei einem verrückten alten Mann, Herrn Klinge, klingelt, um mit dem Hund Gassi zu gehen. – Dita Zipfel fängt damit an! Ihre Protagonistin Lucie will zur Ex-Freundin ihrer Mutter nach Berlin ziehen, weil Mamas neuer Freund, der „Glückskeks-Michi“, eine so unglaubliche Nervensäge ist. Auch sonst geht Lucies Leben mehr drunter als drüber. Ihr Bruder stinkt, die Mädchen um sie herum verblöden schneller als man gucken kann, sie selbst ver-guckt sich und verrennt sich in der Liebe, kurz: Der Wahnsinn regiert. Zu dem gehört auch, dass der alte Klinge ihr ein Kochbuch diktiert, top secret, schließlich ersinnt er neue Wörter für Rezepte mit Zauberkraft. Zweibeln, Aalivenoil, Zeitronie und so. Alles klar? Nö, wieso! Das ist ja der Witz – und witzig ist das. Wortwitzig, sprachspielerisch, temporeich, und dialogstark – die Autorin hat bisher fürs Theater geschrieben. Voll schräger Einfälle und Pointen verhandelt sie en passant wesentliche Themen: Was normal ist, was wirklich, was wunderlich oder wundervoll. Was Wörter vermögen. Und wie Taten folgen. Ein kühnes Debüt".

 

Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien